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2015 Gesichter

Laudatio zur Besonderen Ausstellung 2015

Nicola Kuhn, Laudatorin und Dr. Melitta Kliege, Ku

Foto Wynrich Zlomke

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich hatte im vergangenen Jahr die Freude, „die besondere Ausstellung“ auswählen zu dürfen, sozusagen als einziges Jurymitglied. Meine Wahl fiel auf die Ausstellung „Gesichter. Ein Motiv zwischen Figur, Porträt und Maske“ im Neuen Museum in Nürnberg. Mich hat das Thema angesprochen, die kluge Herangehensweise, die Umsetzung – zugleich die Bemühung, in einen kunstwissenschaftlichen Diskurs einzutreten. Und das nicht nur mit dieser einen Ausstellung, wie ich nachträglich feststellen konnte, sondern mit einer ganzen Reihe, deren jüngste Ausgabe eben die „Gesichter“-Ausstellung war. Insofern freue ich mich, ein ganzes Konzept würdigen zu können, auch wenn das - wie gesagt – ursprünglich gar nicht meine Absicht war.

Die Ausstellung „Gesichter. Ein Motiv zwischen Figur, Porträt und Maske“ widmet sich einem seit jeher faszinierenden Thema. Der Mensch reagiert als erstes und schnellstes auf Gesichter. Denken Sie nur an die Werbung und ihre Methoden, die genau damit operieren. Einen wahren Boom erleben wir gerade mit der Selfie-Kultur. Die Nürnberger Ausstellung aber will untersuchen, in welcher Form das Motiv in die Kunst wieder zurückgefunden hat, nachdem es in den 80er Jahren durch konzeptuelle Tendenzen regelrecht mit einem Verbot belegt war. Das Gesicht kehrt wieder, doch nicht als Porträt. Das war bereits seit Jahrhundertbeginn in Auflösung begriffen, in Fragmentierung und Abstrahierung, wie ein Gemälde von Jawlensky als eines der ältesten Werke der Nürnberger Ausstellung sehr schön vorführt.

Das Gesicht wird zum Schauplatz, genutzt als Gegenstand eines konzeptuellen Ansatzes wie etwa bei Thomas Ruff, der seine Kommilitonen an der Düsseldorfer Kunstakademie passbildartig in den 1980er Jahren fotografiert. Oder als mediale Reflektion etwa bei Marlene Dumas, die mit ihrer Serie „The Women“ insgesamt 100 Frauen in Aquarell malte, deren Männer Opfer eines Grubenunglücks geworden waren. Hier geht es um die emotionale Qualität, nicht die individuellen Züge der dargestellten Personen. Auch der Holländer Jan Bas Ader, der sich minutenlang selbst beim Weinen filmte, oder die Britin Sam Taylor-Johnson, die eine Schauspielerin bei der Darstellung eines hysterischen Gefühlsausbruchs mit der Kamera beobachtete, dient das Gesicht als Oberfläche. Es wird zur Bühne eines Dramas, das allerdings ohne Anfang und Ende bleibt, denn die exaltierten Darstellungen wiederholen sich unendlich im Loop des künstlerischen Films. Psychologische Studien betreibt Rosemarie Trockel mit ihren Gipsmasken, die einzelne Familienmitglieder darstellen, ebenso Wiebke Siem, die sich selbst geradezu grotesk grimassierend in Form von Porträtmasken zeigt.

Die einzelnen in Nürnberg gezeigten Positionen ließen sich noch weiter beschreiben, noch mehr ließe sich davon erzählen, wie das Gesicht rehabilitiert wurde, mit dem Porträt aber nichts mehr gemein hat. Insgesamt waren in der Ausstellung 22 Künstler mit 50 Werken vertreten, darunter auch erwartbare Positionen wie Tony Oursler mit seinen auf Kissen projizierten Gesichtern, Julian Opie mit seinen schematisierten Porträts oder Günter Förg mit seinen Masken.

Der Besucher konnte die Ausstellung durchaus als kurzweiligen Parcours durchlaufen, der diverse aktuelle Positionen zu einem Thema vorstellt, doch die Kuratorin Melitta Kliege arbeitet sich seit Eröffnung des Neuen Museums in Nürnberg im Jahr 2000 an einer größeren Fragestellung ab – und dies halte ich für mindestens ebenso würdigenswert wie Anerkennung der einzelnen Ausstellung im vergangenen Jahr. Immer wieder fragt sie nach den generationsspezifischen Ansätzen, wie die Kunst der Gegenwart zu ihren heutigen, charkteristischen Ausformulierungen kommt. Dabei bindet sie diese Fragestellung immer wieder zurück an frühere Jahrzehnte, untersucht die Vorbilder, Anregungen, Gegenpositionen. Im Jahr 2000 war es die abstrakte Kunst mit ihren Rückgriffen auf die fünfziger Jahre, als nächstes die engagierte Kunst, die in den neunziger Jahren ein unverhofftes Revival erlebte, in der Ausstellung „Wenn Handlungen Form werden“ ging es schließlich um eine neue Form des Realismus, der seine Ursprünge in den sechziger Jahren hat.

Melitta Kliege hat mit diesem Pingpong zwischen aktuellen Tendenzen und Vergangenheit also schon diverse Matches gespielt und muss jedes Mal als Siegerin hervorgegangen sein, denn sonst würden diese Meisterschaften nicht mittlerweile über 15 Jahre gehen. Es ist also auch einem Museum dazu zu gratulieren, dass es diesen langen Atem beweist, in einen solchen langfristigen Diskurs eingestiegen ist. Es gehört nicht nur Mut dazu, womöglich gewagte Thesen zur jüngsten Kunstgeschichte zu formulieren, sondern auch sein Publikum mit dieser Herausforderung zu konfrontieren. Aus diesem Grunde kann ich der Kuratorin wie der Direktorin nur gratulieren zur Auszeichnung „Die besondere Ausstellung 2015“.

Nicola Kuhn
5. März 2016


Besondere Ausstellung des Jahres 2015

Gillian Wearing,

Me as Claude Cahun Holding a Mask, 2012, Gillian Wearing, 2015

Gesichter. Ein Motiv zwischen Figur, Porträt und Maske
Neues Museum Nürnberg

Die Ausstellung „Gesichter. Ein Motiv zwischen Figur, Porträt und Maske“ (20.3. bis 21.6.2015) im Neuen Museum Nürnberg widmet sich auf kluge Weise einem Thema, das den Menschen seit jeher am meisten fasziniert. Sie ist also im besten Sinne populär, vermittelt aber zugleich kunsthistorische Einsichten. Die Ausstellung zeigt auf, wie nach jahrelanger Abstinenz, nach Abstraktion und Konzeptkunst, dieses Sujet in den achtziger Jahren zurückkehrt, nun aber nicht als konkretes Porträt, sondern als Interpretation eines medialen Bildes. Die Kuratorin Melitta Kliege gelingt dies anschaulich umzusetzen mit Beispielen von Marlene Dumas, Jan Bas Ader, Tony Oursler, Günther Förg und Rosemarie Trockel, um nur einige zu nennen. Entstanden ist ein aufschlussreicher Rundgang, der auf beiden Ebenen funktioniert: visuell und inhaltlich. Eine Essayausstellung mit gerade einmal 50 Arbeiten, die wissenschaftlich fundiert mit jüngster Kunstgeschichte arbeitet und zugleich ästhetisch reizvoll ist.

Nicola Kuhn
http://www.nmn.de/