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2018 Ausstellung des Jahres

Laudatio Ausstellung des Jahres 2018

Aachener Ausstellung „Flashes of the Future“ zur Ausstellung des Jahres 2018 gewählt
Nie zuvor gesehenes Panorama der Kunst aus der Zeit um 1968


Die deutsche Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes AICA hat die Ausstellung „Flashes of the Future. Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen“, die von April bis August 2018 im Ludwig Forum Aachen gezeigt wurde, zur Ausstellung des Jahres 2018 gewählt. Die von Andreas Beitin (Aachen) und Eckhart Gillen (Berlin) erarbeitete Ausstellung entfaltete in über 200 Werken ein nie zuvor derart umfassend dargestelltes Panorama der Kunst um 1968 in all ihren Stilrichtungen. Zugleich spiegelt die Kunst die Vielfalt der Ideen und Projekte, die nach und nach die Gesellschaft ergriffen und 1968 in politische Aktionen mündeten.

Während die Erinnerung an das Jahr 1968 in politischer Hinsicht meist auf die Studentenrevolte eingeengt ist, zeigten die Kuratoren Beitin und Gillen, dass sich der gesellschaftliche Umbruch, der 1968 seinen Ausgang nahm, in der Kunst lange zuvor angekündigt hatte. So gingen künstlerische Aktionen etwa von Joseph Beuys – darunter in Aachen 1964 – den politischen Happenings voraus. Zumeist erst in der Rückschau werden Entwicklungen sichtbar, die später große Wirkung entfalten. Dieses Gärende und Unfertige, auch Tastende und möglicherweise in die Irre Gehende anschaulich zu machen, das der Kunst eigentümlich ist, gelang der Aachener Ausstellung anhand ihrer sorgfältig ausgewählten Objekte. Sie zeigte, dass die abstrakte und gegenstandslose Kunst, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die sechziger Jahre hinein dominiert hatte, bereits um die Mitte jenes Jahrzehnts von realistischen Strömungen abgelöst wurde, wobei sich Positionen wie diejenige von A.R. Penck in der DDR und Wolf Vostell im insularen West-Berlin über die Grenze der deutschen Teilung hinweg komplementär ergänzten. Mit der amerikanischen Pop Art, die in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre auch nach Deutschland kam, gewann die realistische Kunst einen ebenso spielerischen wie zugleich konsumkritischen Aspekt hinzu, der bei den deutschen Künstlern der 1963 erstmals aufgetretenen Düsseldorfer Gruppe des „Kapitalistischen Realismus“ seinen Widerhall fand.

Im Jahr 1968 selbst zeigten sich dann alle Formen von gegenwartsbezogener Kunst, von Malerei und Bildhauerkunst bis zu Aktionen und Performances, in voller Blüte. Die Aachener Ausstellung hat diese Vielfalt gezeigt, ohne eine Wertung im Sinne eines – für die 1968er Zeit ohnehin obsoleten – Qualitätsbegriffs vorzunehmen oder gar eine der Positionen gegen einen andere auszuspielen. Der Besuchter, der ein halbes Jahrhundert nach den damaligen Ereignissen nur noch in den wenigsten Fällen als Augenzeuge sehen und urteilen konnte, mag vielleicht von der Fülle wiederstreitender künstlerischer Möglichkeiten überrascht oder auch überwältigt gewesen sein. Dass es aber möglich war, im Rundgang durch die Ausstellung Eindrücke und Erkenntnisse zu sammeln, ohne dass schon ein abschließendes Urteil feststand oder möglich war, zählt zu den herausragenden Stärken dieser Ausstellung. Sie hat den mündigen Besucher gefordert und ihm die Beurteilung der Geschichte ermöglicht. Dass der Bundespräsident, Frank-Walter Steinmeier, die Schirmherrschaft übernahm, war mehr als eine Floskel des Kulturbetriebs – auch wenn die feine Ironie, dass eine zumeist entschieden anti-staatliche Kunst auf diese Weise staatliche Anerkennung erfuhr, in der Öffentlichkeit nicht unbemerkt blieb. Doch diese Schirmherrschaft durfte und musste als eine Würdigung dessen verstanden werden, wofür das Jahr 1968 sinnbildlich steht: den Aufbruch zu einer selbstbestimmten, selbstbewussten und politische Konflikte austragenden Gesellschaft, ungeachtet der Irrwege, die nach 1968 eben auch eingeschlagen wurden.

Ergänzt wurde die Aachener Ausstellung durch einen umfangreichen Katalog, der neben der Wiedergabe der ausgestellten Werke in rund 60 Beiträgen Kunst, Politik und Gesellschaft jener Zeit analysiert und erläutert. Dem Katalog oder genauer gesagt, Handbuch ist als Motto ein Zitat von Hans Magnus Enzensberger vorangestellt: „Alles wird anders sein. Ein wunderbares Gefühl. Ich erinnere mich.“ Dieses Zitat, dieses Wort, das eine Erwartung an eine nahe Zukunft ausdrückt und sie zugleich in die Vergangenheit zurückversetzt, trifft genau die Atmosphäre der Ausstellung, die einen Aufbruch anschaulich machte, der doch schon zu Geschichte geronnen ist. Weder Verklärung noch Verdammung, sondern das „So war es“ des Historikers prägten dieses Projekt. Ausstellung und Katalog zusammen bilden eine Bestandaufnahme der kulturellen Situation von 1968, wie sie wohl erst im Abstand von einem halben Jahrhundert so vollständig und differenziert möglich wurde. Dieses Zusammenwirken des unmittelbar Ausgestellten mit dem auf lange Zeit verfügbaren Geschriebenen macht auf exemplarische Weise deutlich, was die Institution Museum zu leisten vermag, wenn sie sich ihrer Aufgabe als einer Bildungsinstitution für die ganze Gesellschaft stellt. Insofern würdigt die AICA mit der Auszeichnung von „Flashes of the Future“ als Ausstellung des Jahres 2018 nicht nur das einzelne Ereignis, sondern zugleich die langjährige Arbeit des Ludwig Forums Aachen in der Darstellung von Kapiteln der jüngeren und jüngsten Kunst.

Bernhard Schulz
Journalist Tagesspiegel/Kultur
Ludwig Forum Aachen, 31. März 2019

Flashes of the Future

Pariser Plakate aus der Zeit um den Mai 1968

Fonds de dotation Jean-Jacques Lebel.

Die von Andreas Beitin (Aachen) und Eckhart Gillen (Berlin) erarbeitete Ausstellung entfaltete in über 200 Werken ein nie zuvor so umfassendes Panorama der Kunst um 1968 in all ihren Stilrichtungen.

Während die Erinnerung an das Jahr 1968 in politischer Hinsicht meist auf die Studentenrevolte eingeengt ist, zeigten die Kuratoren, dass sich der gesellschaftliche Umbruch, der 1968 seinen Ausgang nahm, in der Kunst lange zuvor angekündigt hatte. Ein umfangreicher Katalog analysiert und erläutert in rund 60 Beiträgen Kunst, Politik und Gesellschaft jener Zeit. Eine so vollständige und differenzierte Bestandaufnahme der damaligen kulturellen Situation kann wohl erst im Abstand von einem halben Jahrhundert gelingen.