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2021

Nachruf für Günter Engelhard

Der verfettigte Beuys und die innere Logik des Künstlers

Mit dem legendären Epitheton vom durch Tataren verfettigten kriegsverletzten Beuys hat Günter Engelhard in mehreren Interviews mit dem Künstler Ende der sechziger Jahre eine, wie Hans Peter Riegel unlängst schrieb, „Marke“ gesetzt, „an der sich bis heute die überwiegende Zahl der Beuys-Rezipienten orientiert“. Gegen das Anathema des etablierten akademischen Kunstbetriebs machte Engelhard in Beuys den seiner Zeit einzigen deutschen Kunstprofessor aus, „der sowohl eine bildnerische wie eine Schule der Humanphilosophie begründen könnte“. Engelhard ahnte damit schon früh, was für Beuys noch kommen sollte. Dabei stand für ihn aber eigentlich maßgeblich die Frage im Zentrum: Wie entsteht Kunst? Welche Kräfte strömen zusammen, wenn ein Künstler arbeitet? Diese Fragen sind für Günter Engelhard niemals abstrakter, allgemeiner Art gewesen, sondern konkret und individuell: Welche Kräfte wirkten in Ferdinand Hodlers Stift und Pinsel, als er seine Geliebte Valentine Dodé-Darel auf dem Kranken- und Sterbebett zeichnete und malte, so dass ihre horizontale Gestalt allmählich und langsam mit der Schweizer Berglandschaft verschmelzend in sie versank? Mit präziser Sprache, geschliffenen Formulierungen zeichnete er die innere, eigentümliche Folgerichtigkeit der Striche und Farben auf Papier und Leinwand aus den innersten Windungen und Falten des Malers. Das Feuilleton war für ihn kein Informationsmedium, sondern selbst eine Form der Kunst. Günter Engelhard gehörte zu den ersten Förderern nicht nur von Josef Beuys, sondern auch der Künstler der Gruppe Zero und der Düsseldorfer Akademie wie Günther Uecker und Gotthard Graubner. Er war Redakteur bei Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau, der Deutschen Zeitung, später Christ und Welt, dann Rheinischer Merkur. Er schrieb für Epoca, das Schweizerische Kunstmagazin DU sowie für DIE WELTWOCHE. Er verfasste Texte für Ausstellungskataloge, Radiobeiträge für den WDR sowie Lexikonbeiträge. 1972/1973 war er Chefdramaturg am Düsseldorfer Schauspielhaus. Zu seinen bedeutendsten Arbeiten zählen die u. a. in art, Das Kunstmagazin erschienenen Künstlerportraits, durch die er seinen Lesern eine Tür in den Kopf der Portraitierten öffnete: Konrad Klapheck, Roman Opalka, Norbert Kricke, Rudolf Hausner, Antoni Tàpies, Ingeborg Lüscher, Xenia Hausner, Georg Baselitz, Ilya und Emilia Kabakov, Bernhard Heisig, aber auch Klassiker der Moderne wie etwa Ferdinand Hodler. Seinen Lesern und Leserinnen verschaffte die Kraft seiner Sprache ein inniges Begreifen dessen, was das individuelle Prinzip des jeweils Portraitierten ist. 1975 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für Kultur geehrt. In den letzten Jahren hat er an gemeinsamen Buchprojekten mit der Portraitfotografin und Lebensgefährtin Angelika Platen gearbeitet. Ein großer Begeisterer für die Kunst und Feuilletonist ist am Freitag (20. August) in Berlin mit 84 Jahren gestorben.

Kristina Engelhard

Nachruf für Lieba Jappe

Aus Deutschland erreichte uns die Nachricht, dass „Lieba“ Jappe (1934 geboren) am 22.Januar 2021 von uns gegangen ist. Unvergessen ist, wie sie sich 1977 für die AICA als Haupt-Organisatorin des XII.Kongresses und der 29.Assemblée generale in Köln eingesetzt hatte, wobei das Hauptthema der Kunst der sechziger Jahre gewidmet war. Den rund 150 Teilnehmern zeigte sie sich damals als geduldige, bescheidende, besonders weitherzige und sehr kompetente Gastgeberin. Mitglied der AICA wurde sie jedoch erst 1988, als sie schon längst Artikel über zeitgenössische Kunst veröffentlicht hatte. Ihr eigentliches Thema aber galt der Performance-Kunst. Es passte zu ihrer Ausbildung, denn obwohl sie 1934 als Hermine Cornelia Elisabeth Kluytenaar in Frankreich geboren wurde, studierte sie als Niederländerin zwar erst in Paris, dann aber in Amsterdam Kunstgeschichte, Bühnenbild und Kostümkunde. Da sie 1961 den Theaterhistoriker, Kunstkritiker, späteren Professor für Ästhetik und Dichter für optische und akustische Poesie Georg Jappe heiratete (mit dem sie zwei Kinder grosszog), lag es nahe, die Themen bildende Kunst und Theater zu verbinden, - voilà: die Einheit beider Kategorien lag in der Performance-Kunst. Als Kuratorin, Projekte-Macherin, Programm-Gestalterin, Übersetzerin und auch Autorin erwarb sie bald für diese neue Sparte der Kultur internationale Anerkennung. Von 1975 an gelang es ihr, Performances als eigenes Programm auf internationalen Kunstmärkten und Theaterfestivals unterzubringen, anfangs beispielsweise 1978 in Bremen. Das war nicht selbstverständlich, bald aber konnte sie zunehmend mit der Neugierde eines grösseren Publikums rechnen. Das ermutigte sie 1981 zur Gründung der Moltkerei Werkstatt in Köln, einem Avantgarde Zentrum für vornehmlich Performances und Workshops für internationale Künstler, das sie zunächst selbst leitete und das noch heute von Christian Merscheid weitergeführt wird. Beide veröffentlichten über ihre dortigen Aktivitäten, zu denen nach dem Fall der Mauer nun auch Auftritte junger ostdeutscher Künstler zählten, 1994/95 eine Publikation. Gemeinsam mit Georg Jappe kuratierte sie die rundreisende Ausstellung Resource Kunst (Berlin, Saarbrücken, München, Budapest), zu der beide 1989 im DuMont-Verlag in Köln ein Buch herausbrachten. Zuvor hatte Lieba für die documenta 8 (1987) endgültig das internationale Publikum mit der Kategorie performance-art vertraut gemacht. Diese Arbeit kulminierte in der eigenen Buchausgabe Performance – RitualProzess, Handbuch der Aktionskunst in Europa (München 1993.) Es wurde ein Standartwerk, -was wäre die Performance-Art ohne Lieba Jappe gewesen! Nach dem Tod von Georg Jappe zog sie sich von ihren vielen Vortragsaktivitäten zurück. Das umfangreiche Archiv des Ehepaares Jappe erhielt –sofern es performance Art betrifft - zunächst das von Egidio Marzona geleitete Archiv der Avantgarden, das dann aber 2016 als Ganzes den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gestiftet wurde.

(Antje von Graevenitz, AICA-Mitglied in Amsterdam)