2020 Bauhaus Museum Dessau

Laudatio zur Verleihung Museum des Jahres 2020

Museo Bauhaus Dessau © www.plataformaarquitectura.
Museo Bauhaus Dessau © www.plataformaarquitectura.

Das Bauhaus Museum Dessau – Museum des Jahres 2020

Viel ist vor 2 Jahren gesprochen und geschrieben worden, als es galt, das 100. Gründungsjubiläum des Bauhauses zu feiern. Manches klang fast so, als ob der in Weimar und später hier in Dessau tätigen Kunstschule so etwas wie eine nationale, ja sogar international wirksame Entlastungsfunktion zukommen sollte - beim Blick auf das durch deutsche Schuld so blutige 20. Jahrhundert: Der Geist von Gropius, Mies oder Meyer gegen den Ungeist von Militarismus und Faschismus.

Doch so simpel liegen die Dinge nicht, wie uns eine kritische Geschichtswissenschaft lehrt: Auch das Bauhaus, auch manche seiner „Heroen“ - ebenso wie eine Reihe von Studierenden, waren nicht gegen die Versuchung des Totalitarismus imprägniert. Zugleich aber war das Bauhaus natürlich auch ein dem Geist der jungen Weimarer Republik entstammender „gedanklicher Vorgriff auf eine Welt der Freiheit, Demokratie und Internationalität“ – um aus der Jubiläumsansprache unseres Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zu zitieren.

Der Blick hinter die Kulissen der stets politisch wie wirtschaftlich bedrohten kleinen Kunstschule lohnt also unbedingt. Und nirgendwo gelingt dies besser als eben hier in Dessau, hier in Ihrem Museum!

Das noch junge Bauhaus Museum überzeugte uns Kunstkritiker damit, dass es einerseits die Erinnerung an das Bauhaus als bedeutendste Schule für Gestaltung im 20. Jahrhundert wachhält. Andererseits wird hier aber auch die Idee des Bauhauses eindrucksvoll in die Gegenwart übertragen.

Während des 1976 begonnenen Aufbaus der Sammlung war der DDR, vor allem natürlich aus Devisenmangel, kein Ankauf ikonischer, kunsthistorisch schwergewichtiger Werke der Bauhaus-Meister auf dem internationalen Kunstmarkt möglich. Die heutige Ausstellungs-Konzeption rückt folgerichtig nicht die hinlänglich bekannten Inkunabeln aus Kunst und Formgebung, sondern die Lehr- und Lerntätigkeit in den Mittelpunkt. Die Präsentation betont kreative Prozesse anstelle eines hinlänglich zelebrierten Bauhaus-Mythos.

Man kann hier das gängige Wort gebrauchen: Aus der Not wurde eine Tugend gemacht. Immensen Anteil an diesem Konzept - ich erwähne dies aus persönlicher Erinnerung und Sympathie - hatten Gisela und Hans Peter Schulz, die mit ihrer Leipziger Galerie am Sachsenplatz das Thema Bauhaus zum Sammlungs- und Lebensschwerpunkt gemacht haben – stets natürlich unter den Vorbedingungen des Staatlichen Kunsthandels der DDR und durchaus von den damaligen Staatsorganen beargwöhnt. Die von den beiden Galeristen in der DDR erworbenen und in mehreren Katalogen publizierten Arbeiten oft vergessener Bauhaus-Studierender gehören zum Grundstock des heutigen Dessauer Museums.

Die Arbeiten, Entwürfe und Skizzen aus den Vorkursen, Klassen und Werkstätten geben den Blick frei auf das nicht spannungslose intellektuelle Innenleben der Hochschule und deren Ziel, nämlich einer „zeitgemäßen Entwicklung der Behausung“, um Walter Gropius zu zitieren.

Der Titel „Versuchsstätte Bauhaus - Die Sammlung“ als Name der von Regina Bittner, Dorothèe Brill und Wolfgang Thöner kuratieren musealen Dauerausstellung (mit dem Schwerpunkt der Dessauer Bauhaus-Jahre 1925 bis 1932) bringt dies deutlich auf den Punkt. Damit wird zugleich das nahe gelegene historische Bauhaus wieder „lebendig“, es wird sowohl vor der erstarrten „Monumentalisierung“ bewahrt als auch vor der Banalisierung als bloßer touristischer Hotspot.

Die mutige und heftig umstrittene Entscheidung, das Museumsgebäude nach einem preisgekrönten Entwurf von addenda architects aus Barcelona mitten ins Zentrum Dessaus auf eine gesichtslose Einkaufsstraße zu platzieren, stellt aus unserer Sicht eine geglückte kulturelle Wiederbelebung der City dieser im 2. Weltkrieg schwer zerbombten Industrie- und Residenzstadt dar, (der die Wucht der Zerstörung und der Verlust historischer Bausubstanz bis heute deutlich anzusehen ist.)

Der Bau, ein schwebender Riegel hinter gläserner Hülle (mit 3 500 Quadratmetern Nutzfläche), erscheint nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Ästhetik wie eine zeitgemäße Interpretation Gropius‘schen Bauens: Damals wie auch heute, ein knappes Jahrhundert später, musste der Entwurf einem engen Kostenrahmen Rechnung tragen.

Die in Ihrem Museum vorgestellten Kunstwerke, Möbel, Fotografien, Pläne und Dokumente werden regelmäßig von Sonder-Ausstellungen in der Ausstellung ergänzt: Diese Reihe „Zwischenspiel“ thematisiert - stets in Beziehung zur Sammlung - aktuelle und historische Beiträge aus Kunst, Architektur und Fotografie.

Die „Offene Bühne“ im Museums-Erdgeschoss ergänzt die Bühne im historischen Bauhaus-Gebäude: Dieses Projekt ist – neben den erwähnten Sonder-Ausstellungen – ein weiterer wichtiger Baustein der starken Verbindung klassisch-moderner mit der heutigen Kunst, die das Bauhaus Museum Dessau so besonders macht.

Für uns Kritiker vorbildlich ist ebenso die museale Präsentation der Ergebnisse wissenschaftlicher Bauhaus-Forschungen zur Architektur, zu Design oder Typografie. Hier ist Initiator die Bauhaus-Stiftung, die unter anderem die Rezeption des Bauhauses in der DDR dokumentiert, (Bauforschung betreibt) sowie internationale Künstlerinnen und Künstler zur Residenz in das wiederhergestellte Meisterhaus Gropius einlädt.

Die Reihe der Museums-Publikationen, darunter der ansprechende Sammlungs-Katalog, wird von einem attraktiven, breit gefächerten Angebot auf der Webseite ergänzt – das hatte und hat seinen besonderen Wert während der Pandemie. Auch die Serie „Aus der Vitrine - digital“ war ein informatives Angebot für alle Bauhaus-Interessierte während der langen Corona-Schließung.

Man kann den heute (4.12.1926) vor genau 95 Jahren eröffneten, historischen Gropius-Bau als das größte unter den über 1 000 Ausstellungsstücken dieses Museums bezeichnen. Und es ist sicher das wichtigste und auch das lehrreichste.

Wenn ich hier abschließend meine persönliche Sicht äußern darf: Das Bauwerk von 1926 zeigt die ästhetische Vollkommenheit seiner Architektur erst, wenn man es – möglichst mehrfach - umrundet und jedes einzelne Detail aus möglichst vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

Es ist damit - so meine ich - die Verkörperung dessen, was den eigentlichen Sinn von „Bauhaus“ ausmacht (an dem junge Männer und Frauen aus fast 30 Nationen studiert haben):

„Bauhaus“, das bedeutet, mit Mut, mit Neugierde und mit Offenheit auf unsere plurale, vielgestaltige und manchmal auch sehr widersprüchliche Wirklichkeit zuzugehen.

Dies ist eine warnende Aufforderung zu Toleranz und Liberalität aus der gescheiterten Republik von Weimar; eine Botschaft, die – angesichts von Hetze und Demagogie, von Antisemitismus und Nationalismus in den sogenannt „sozialen Medien“, auf den Straßen und auch in vielen Parlamenten unserer Republik – leider nichts von ihrer Dringlichkeit eingebüßt hat.


Gerd Korinthenberg,
Vizepräsident AICA-Deutschland

Dessau, 4.Dezember 2021

Bauhaus Museum Dessau ist "Museum des Jahres"

Das Bauhaus Museum in Dessau überzeugt damit, einerseits die Erinnerung an das Bauhaus als bedeutendste Schule für Gestaltung im 20. Jahrhundert wachzuhalten, andererseits aber auch die Idee des Bauhauses eindrucksvoll in die Gegenwart zu übertragen. Mehr als 133 000 Besucher honorierten dies gleich im ersten Jahr des Museums, das zum 100. Bauhaus-Gründungsjubiläum im September 2019 eröffnet wurde – aber wegen der Corona-Pandemie 2020 für mehrere Monate schließen musste.

Die mutige Entscheidung das im Geiste des Bauhauses konzipierte Museumsgebäude als schwebenden Riegel (Entwurf: addenda architects/Barcelona) mitten ins Zentrum Dessaus auf eine gesichtslose Einkaufsstraße mit direktem Durchgang zum Stadtpark zu platzieren, stellt eine geglückte „Stadtreparatur“ dar. Der Bau mit seiner gläsernen Hülle und 3 500 Quadratmetern Nutzfläche trägt wesentlich zur kulturellen Wiederbelebung der im 2. Weltkrieg schwer zerbombten Industrie- und Residenzstadt bei, der diese Zerstörung und der Verlust historischer Bausubstanz deutlich anzusehen ist.

Während des 1976 begonnenen Aufbaus der Sammlung war der DDR, unter anderem aus Devisenmangel, kein Ankauf wichtiger Werke der Bauhaus-Meister möglich. Die heutige Ausstellungs-Konzeption rückt - anders als im ebenfalls neu eröffneten Bauhaus-Museum Weimar – folgerichtig nicht die hinlänglich bekannten Inkunabeln aus Kunst und Design, sondern die Lehr- und Lerntätigkeit in den Mittelpunkt, betont kreative Prozesse anstelle des Bauhaus-Mythos.

Die Arbeiten, Entwürfe und Skizzen der Studierenden in den Vorkursen, Klassen und Werkstätten bei Albers oder Breuer, Kandinsky oder Klee geben den Blick frei auf das nicht spannungslose intellektuelle Innenleben der Hochschule und deren Ziel einer „zeitgemäßen Entwicklung der Behausung“ (Gropius). „Versuchsstätte Bauhaus. Die Sammlung“ als Titel der musealen Dauerausstellung mit dem Schwerpunkt der wichtigsten, nämlich der Dessauer Bauhaus-Jahre 1925 bis 1932, bringt dies auf den Punkt.

Damit wird zugleich das nahe gelegene historische Bauhaus, in dem es um die zukunftsweisende Gestaltung der Moderne ging, wieder „lebendig“ und vor der erstarrten „Monumentalisierung“ und Banalisierung als bloßer touristischer Hotspot bewahrt. Man kann den 1926 eröffneten Gropius-Bau als das größte unter den über 1 000 Ausstellungsstücken des neuen innerstädtischen Museums bezeichnen, das in seiner Sammlung fast 50 000 Objekte katalogisiert hat. Damit besitzt Dessau nach dem derzeit (von 2018-2022) geschlossenen Bauhaus-Archiv Berlin die weltweit zweitgrößte Kollektion zum Thema.

Die quer durch den einzigen weitläufigen Museumsraum in einem riesigen orangefarbenen Regal vorgestellten Kunstwerke, Möbel, Lampen, Fotografien, Pläne und Dokumente werden regelmäßig von einer Ausstellung in der Ausstellung ergänzt: Die Reihe „Zwischenspiel“ thematisiert stets in Beziehung zur Sammlung aktuelle und historische Beiträge aus Kunst, Architektur und Fotografie. Im Jahr 2020 waren dies etwa die gipsweißen Wohnzellen „Cellules“ des israelischen Künstlers Absalon (1964-1993) oder nahezu unbekannte kritische Stadtfotografie der Weimarer Zeit.

Die „Offene Bühne“ im Museums-Erdgeschoss ergänzt die Bühne im historischen Bauhaus-Gebäude: Sie ist unter anderem in Kooperation mit internationalen Tanzensembles ganz im Sinne Schlemmers dem Lernen in Bewegung gewidmet. Dieses Projekt ist – neben den Wechselausstellungen – ein weiterer wichtiger Baustein der starken Verbindung klassisch-moderner mit der heutigen Kunst, die das Bauhaus Museum Dessau auszeichnet.

Das Museum präsentiert ebenso die Ergebnisse wissenschaftlicher Bauhaus-Forschungen zur Architektur, zu Design oder Typografie. Hier ist Initiator die Bauhaus-Stiftung, die unter anderem die Rezeption des Bauhauses in der DDR dokumentiert, Bauforschung betreibt und internationale Künstler/innen zur Residenz in das wiederhergestellte Meisterhaus Gropius einlädt.

Beispielhaft für die kulturelle Bildung ist das in Zusammenarbeit mit 36 Schulen und den Museen in den Bauhaus-Städten Weimar, Dessau und Berlin organisierte Programm „Bauhaus Agenten“, bei dem Experten/innen aller Altersgruppen vier Jahre lang an Museums-Konzeptionen, Ausstellungsgestaltungen und Vermittlungsmethoden mitgearbeitet haben.

Die Reihe der Museums-Publikationen, darunter ein ebenso praktikabler wie inhaltlich ansprechender Katalog, wird von einem breit gefächerten Angebot auf der Webseite ergänzt. Dies reicht von der langen TV-Dokumentation und einer App als Wegweiser zur Dessauer Bauhaus-Tour bis zum knappen Digital-Auftritt markanter Sammlungsstücke: Die Serie „Aus der Vitrine“ ist ein informatives Angebot für alle Bauhaus-Interessierte während der andauernden Corona-Schließung.

Foto: Versuchsstätte Nordraum und oben Außenansicht © Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Thomas Meyer/OSTKREUZ

Bauhaus Museum Dessau