Kuratiert von Andreas Beitin in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin

 

Jurorin der Auszeichnung: Ann-Katrin Günzel

 

Ich habe „Małgorzata Mirga-Tas. Eine alternative Geschichte“ im Kunstmuseum Wolfsburg (22. November 2025 bis 15. März 2026) als besondere Ausstellung des Jahres 2025 gewählt, weil es dieser Ausstellung in bemerkenswerter Weise gelingt, eine neue Erzählung der Romn:ja-Gemeinschaft – und damit der größten ethnischen Minderheit Europas – aus  persönlicher Erfahrung und kollektiver Erinnerung mit künstlerischen Mitteln sichtbar zu machen und somit nicht nur den Blick für die Problematik der gesellschaftlichen Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung zu schärfen, sondern gleichzeitig einen Perspektivwechsel herbeizuführen und den Raum für neue Verbindungen zu öffnen.

Die polnische Rom:nja-Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas (*1978, Zakopane, Polen) erforscht in ihrer spezifischen Bildsprache der „textilen Collage“ kunsthistorische Festsetzungen und dekonstruiert sie ebenso wie das Selbstverständnis von Heldentum und herkömmlicher Geschichtsschreibung, indem sie sie durch neue, intensive und zugleich poetische Bilder ersetzt, sodass sie aus einer historischen Abwesenheit eine starke Gegenwart erschafft.

Es ist ihre erste große Einzelausstellung in Deutschland und auch wenn ihre Arbeiten bereits andernorts zu sehen waren und sie in der Kunstwelt keine Unbekannte mehr ist – nicht zuletzt hat sie 2022 als erste Rom:nja-Künstlerin ihre Heimat Polen auf der Biennale in Venedig vertreten – so überzeugt diese Ausstellung dadurch, dass sie schon in der räumlichen Setzung einen ästhetischen Erfahrungsraum erschafft, der die Besucher:innen einlädt, teilzuhaben an Geschichte und Geschichten der Rom:nja. Gleich zu Beginn der Ausstellung besetzen sie als großformatige Portraits den Raum und man kann sich durch die Präsenz dieser Bilder dem Gefühl, hier in ein kollektives Geschehen einzutreten, gar nicht entziehen. Ein Verfahren übrigens, das bereits in der Produktion der Arbeiten stattfindet, denn nicht nur der thematische Fokus liegt auf der Gemeinschaft, die Werke entstehen auch aus einer Praxis des kollektiven Arbeitens. Die Künstlerin näht ihre Bilder gemeinsam mit Verwandten und Frauen ihrer Community aus verschiedenen Textilien: Vorhänge, Bettwäsche, Tischdecken oder Kleidungsstücke werden zu Fragmenten, die aus mündlichen Überlieferungen Verlorengegangenes und Bedrohtes zu einer neuen Erzählung verbinden. Die Stoffe sind gebraucht und erzählen damit an sich schon etwas von der Welt, die sie darstellen, sind aufgeladen mit den Ereignissen, zu denen sie getragen wurden, und der Energie der Frauen, die sie bekleidet haben. So lassen die Bilder Heldinnen entstehen, die sich aus patriarchalen Strukturen lösen und „his-story“ durch „her-story“ ersetzen.

Die aktuelle Relevanz dieser Ausstellung ist evident in einem politischen Klima der europaweit erstarkenden rechten Parteien sowie den damit verbundenen Ängsten vor Migration und dem „Fremden“. Man muss sich nicht der Utopie hingeben, dass Kunst die Welt retten kann oder soll, aber die „alternative Geschichte“ ist ein visionärer Hinweis auf die Möglichkeit einer neuen Perspektive.

Ausstellungsansicht „Małgorzata Mirga-Tas. Eine alternative Geschichte“, Kunstmuseum Wolfsburg, 2025, Foto: Marek Kruszewski