2020 Artists and Agents

Artists and Agents ist " Ausstellung des Jahres"

Artists Agents, Foto Chris

„Artists and Agents – Performancekunst und Geheimdienste“, HMKV Dortmund

Besonders viele Ausstellungsbeiträge gab es nicht zum 30. Jubiläum der Wiedervereinigung und es war (wieder einmal) im HardwareMedien Kunstverein (HMKV) in Dortmund, wo eine Ausstellung realisiert werden konnte, die einen entzündeten Nerv der Zeit traf. Anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls beleuchtete diese Ausstellung die Interaktion zwischen Geheimdiensten und Performancekunst – jener Kunstrichtung, die für die Parteidiktaturen Osteuropas am unkalkulierbarsten schien. Performancekunst galt als westlich, dekadent und unterwandert.Was fürchteten die Geheimdienste von den Künstlern und was hatten die überwachten Künstler*innen zu befürchten?

Um dieses Verhältnis aufzufächern, versammelten die Kuratorinnen Inke Arns (HMKV), Kata Krasznahorkai und Sylvia Sasse (beide Universität Zürich) künstlerische Positionen, die aus der Perspektive geheimdienstlicher Ermittlungen vorgestellt wurden. Hierfür waren zunächst umfangreiche Recherchen in den Geheimdienstarchiven der ehemaligen Ostblock-Länder nötig.

Nach 1990 wurden viele dieser Archive erstmals für die Forschung zugänglich. So sind es nicht nur künstlerische Fotoserien, Installationen, gefakte Urkunden oder Materialien, Ton- und Videodokumente, die in der Ausstellung zu sehen waren, sondern exemplarisches Aktenmaterial aus Archiven von diversen Geheimdiensten in der DDR, Polen, Ungarn, der ČSSR, Rumänien, Bulgarien und der UdSSR. Diese legten exemplarisch dar, wie man den Künstler*innen mit "Zersetzungmaßnahmen", Diskreditierung, Pathologisierung und Kriminalisierung heftig auf den Leib rückte. Dass die Spitzel dafür zum Teil selber zu Künstlerinnen werden und performen mussten, ist nur eine der bisweilen beißend-ironisch, sarkastisch und auch humorvollen Aspekte in der Ausstellung.

Schwarz-Weiß ist im Sinne des Guten und des Bösen ist die Ausstellung in ihrer Perspektive dabei nicht. Fast nahtlos wurden Spione zu Werkfotografen und Archivaren. Die geheimdienstliche Unterwanderung der Kunstszene führte auch zu ihrer kunsthistorischen Dokumentation. Bis ins kleinste Detail dokumentieren die Berichte teils kaum bekannte künstlerische Aktionen, meist ohne Publikum. "Wer sich daher die Geheimpolizei als bürokratische Maschinerie vorstellt, übersieht ihr ‚Theater‘ – eine aufwändige Inszenierung zum Aufspüren und der Produktion innerer Feinde. Das trifft natürlich nicht nur auf Osteuropa und auf ,damals‘ zu, sondern das sind Strategien, die auch heute wieder Konjunktur haben.“; kommentierten die Kuratorinnen. Als würden beide Parteien voneinander lernen.

Sprachlos hingegen macht die oft diffamierende und herabsetzende Sprache, in der über zeitgenössische Kunst gesprochen wurde,, z.B. seitens der Stasi, eine Sprache, die auch heute noch ein Echo findet; da wo der der Kunst zu wenig Linientreue zum "Volk" beschienen wird.

Die ausgestellten Materialien sind diesbezüglich mehr als selbstentblößend. Diese spezifische Sprache wiederum ist später immer wieder auch Ausgangspunkt von künstlerischen Arbeiten.

Bestechend ist auch der aufwendig gestaltete Reader zur Ausstellung mit zahlreichen Dokumenten und Textbeiträgen, ebenso wie ein Magazin, das frei als pdf zur Verfügung steht und die Ausstellung mit Werkbeschreibungen und Hintergrundinformationen vermittelt.

Die Ausstellung eröffnet zahlreiche Fragen in unsere unmittelbare Gegenwart, in der künstlerische Freiheit vielerorten wieder zunehmend zur Diskussion steht oder angesichts allgegenwärtiger digitaler Überwachung auch die Frage bleibt, was in Archiven westlicher Geheimdienste oder des BND noch schlummern könnte.