Rückblick auf die Kooperation zur Förderung der Kunstkritik zwischen AICA Deutschland, dem Goethe-Institut Bulgarien und dem Kulturzentrum der Universität Sofia

von Belinda Grace Gardner

Bulgariens reges Kunstleben erreicht den westlich zentrierten Blick bisher nur bruchstückhaft. Fast vier Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs findet die lebendige, intern stark vernetzte Szene, die sich seit 1990 mit Bulgariens Wandel zu einer Demokratie formiert hat, außerhalb des Landes viel zu wenig Beachtung. Umgekehrt fehlt es der bulgarischen Kunstszene vor Ort an staatlicher Unterstützung ebenso wie an Plattformen, die das regionale Kunstgeschehen kritisch reflektieren und nach außen tragen. Um dieser Lage zu begegnen und gerade auch jüngeren Stimmen „in einer Zeit des schnellen Konsums von Bildern und Inhalten“ neue Foren und Öffentlichkeiten zu erschließen, initiierte das Goethe-Institut Bulgarien unter der Ägide von Institutsleiterin Kirsten Hackenbroch und Miroslav Hristov, dort für darstellende und bildende Künste zuständig, 2024 im Verbund mit dem Kulturzentrum der Universität Sofia einen Wettbewerb für Kunstkritik. Dieser fand nun zum dritten Mal in Folge statt – neben einer Veröffentlichung ausgewählter Texte ist der Hauptpreis ein Aufenthalt zur Berlin Art Week im September 2026. In diesem Jahr wurde erstmals in Zusammenarbeit mit der deutschen AICA-Sektion ein vorgeschalteter Schreib-Workshop für Teilnehmer:innen angeboten, die sich für den Wettbewerb qualifiziert hatten. Für die AICA kooperierte ich von Hamburg aus als freie Autorin, Kuratorin und Kunstwissenschaftlerin mit der namhaften, in Plovdiv lebenden bulgarischen Kollegin Svetlana Kuyumdzhieva, ebenfalls schon lange als freie Kunstkritikerin, Kuratorin und Dozentin für Kunsttheorie aktiv.

Gestartet wurde Mitte April mit länderübergreifenden Online-Sessions, in denen neben Praxisübungen strukturelle, formale und inhaltliche Ansätze zur Kunstkritik in Geschichte und Gegenwart zwischen Ost- und Westentwicklungen diskutiert wurden, bevor alle Ende Mai in Sofia zum Präsenzteil des Workshops zusammentrafen. Sofia, ein urbaner Stilmix historischer Gebäude und Gassen, futuristischer Brückenbögen über weitläufigen Straßenschneisen und sozialistischer Hochhaus-Architektur, ist eine auffällig grüne, von belebten Parks durchzogene Stadt in direkter Sicht zum nahegelegenen Witoscha-Gebirge. Man tagte in der Bibliothek des im historischen Kern gelegenen Goethe-Instituts, wo die Teilnehmer:innen mit den Mentorinnen über ihre Textentwürfe und Eindrücke von gemeinsam in Sofia besuchten Ausstellungen sprachen. Dabei wurde deutlich, dass es in Bulgarien nur wenige Publikationsmöglichkeiten für kunstkritische Texte gibt. Am prominentesten ist die 1957 gegründete älteste Wochenzeitung Bulgariens für Kunst und Kultur, Kultura, einst ein Dissident:innenblatt. Das Kulturzentrum der Universität betreibt seinerseits ein Online-Magazin. Privat lancierte Blogs füllen markante Lücken in der Medienlandschaft. Die Präsentation und Reflexion aktueller Kunst wird vielfach vom eigenen Engagement der lokalen Kunstszene und ihrer Protagonist:innen getragen.

So gibt es in Sofia etliche von Künstler:innen und Kurator:innen selbst organisierte Bündnisse und Orte, darunter das 1995 von den auch weit über Bulgarien hinaus bekannten Künstlern Luchezar Boyadjiev, Pravdoliub Ivanov, Kiril Prashkov und Nedko Solakov, den Kurator:innen Maria Vassileva, Boris Danailov und Iara Boubnova (heute Leiterin der ICA Galerie, zuvor Direktorin der Nationalgalerie) sowie dem Rechtsanwalt Vesselin Tzotchev gegründete Institute of Contemporary Art (ICA). Eigene Ausstellungen mit gesellschaftskritischem Impetus veranstaltet auch die Union bulgarischer Künstler:innen (UBA), ein Non-Profit-Verband, in dem Künstler:innen und Kunstkritiker:innen organisiert sind, wie die im Mai kurz vor meinem Besuch eröffnete Gruppenschau „The Inevitable Future. Artistic Strategies in the Rearguard of History“ in der Rayko-Aleksiev-Halle in der Innenstadt Sofias.

Ein verwunschener, efeubewachsener historischer Wasserturm war etliche Jahre Schauplatz des 2017 gegründeten Galerieprojekts +359, das mit Abschluss der Gruppenausstellung Before the Mirror am 27. Mai 2026, an der neben dem jungen Künstler und Workshop-Teilnehmer Kyril Buhowski auch der renommierte ICA-Mitbegründer Pravdoliub Ivanov teilnahm, den Standort wechseln muss. Dem stehen die verschiedenen Spielstätten der Nationalgalerie gegenüber, im ehemaligen Zarenschloss mit Betrachtungen des Werks von Lika Janko, die sich dem sozialistischen Bildprogramm mit farbstarker Abstraktion widersetzte, und der zeitlebens erfolgreichen Impressionistin Elena Karamihaylova der jüngeren bulgarischen Kunstgeschichte nachging, während im Sofia Arsenal – Museum für zeitgenössische Kunst mit der Ausstellung 5+5 / art+fashion aktuelle Verknüpfungen zwischen Kunst und Mode untersucht wurden.

Die Workshop-Teilnehmer:innen, die weitgehend – teils neben weiterführenden Studiengängen, teils im Kunstbetrieb arbeitend, teils auch kunstfernen Jobs nachgehend – schreibend und kuratorisch oder auch, wie Kyril Buhowski, selbst künstlerisch tätig sind, beklagten trotz der bemerkenswert vitalen Szene in Sofia den strukturellen Mangel an Diskurs-Möglichkeiten im gesellschaftlichen und politischen Alltag Bulgariens sowie fehlende überregionale Verbindungen und Einblicke in internationale Kontexte. Kunstkritik hat entsprechend für sie nicht nur als Mittel der Spiegelung und Kommentierung wechselnder Ausstellungsereignisse, sondern darüber hinaus als essenzielles Instrument der Reflexion, Mitsprache und Mitgestaltung von Gesellschaft große Bedeutung.

Das gemeinsame Projekt unter dem Dach des Goethe-Instituts mit Kollegin Svetlana Kuyumdzhieva und den Workshop-Teilnehmer:innen rückte die heute nicht nur in den Shifting Societies Osteuropas zunehmend akutere Rolle der Kunstkritik als entscheidendes Mittel der Kunst- und Ausdrucksfreiheit ins Licht. Die Stärkung dieses Mediums verläuft über eine weitere Intensivierung des Austauschs. Eine Fortsetzung des Workshops mit erweitertem Praxisbezug und erhöhter Präsenz der Mitwirkenden vor Ort in Sofia ist für nächstes Jahr erneut geplant. In dem Zuge soll auch die Kooperation zwischen der AICA Deutschland, dem Goethe-Institut und der AICA Bulgarien noch vertieft und expandiert werden.

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