Die AICA Deutschland trauert um Annelie Pohlen
In memoriam Annelie Pohlen
Der Bonner Kunstverein trauert um seine ehemalige Direktorin und langjährige Wegbegleiterin Annelie Pohlen (1944 – 2026). Über Jahrzehnte hinweg hat die profilierte Kunstkritikerin und Kuratorin mit Weitsicht, Präzision und Feingefühl Maßstäbe gesetzt, Diskurse angestoßen, künstlerische Entwicklungen begleitet, Institutionen geprägt und Menschen bewegt. Mit ihr verliert das Rheinland eine seiner großen intellektuellen Instanzen und engagierten Förderinnen der Gegenwartskunst.
Geboren 1944 in Bernkastel-Kues an der Mosel, studierte Pohlen Romanistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Bonn und Paris. 1973 promovierte sie mit einer Arbeit zur mittelalterlichen Geschichte – ein frühes Zeichen jener historischen Tiefenschärfe, die ihr späteres kunstkritisches und kuratorisches Arbeiten auszeichnen sollte. Von 1973 bis 1986 arbeitete sie als freie Kunstkritikerin und Publizistin für Tageszeitungen wie den General-Anzeiger Bonn und die Süddeutsche Zeitung, für Radiostationen wie ORF und Sender Freies Berlin sowie für internationale Kunstzeitschriften, darunter Kunstforum International, Artforum und Flash Art. Viele heute kanonisierte Positionen der Gegenwartskunst wurden durch ihre frühen Essays erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Ihre Texte zeichneten sich durch analytische Schärfe, argumentativen Mut und eine ausgeprägte Sensibilität für die gesellschaftliche Dringlichkeit von Kunst aus. Sie war eine Kritikerin im emphatischen Sinne: urteilsfähig, streitbar, leidenschaftlich – und stets dem Werk verpflichtet.
Seit 1980 wirkte sie zunächst parallel zu ihrer publizistischen Tätigkeit als freie Kuratorin am Bonner Kunstverein, bevor sie 1986 dessen erste hauptamtliche Direktorin wurde. Bis 2004 realisierte Pohlen hier mehr als 200 Ausstellungen, die zumeist von richtungsweisenden Publikationen begleitet wurden. Unter ihrer Leitung profilierte sich der Bonner Kunstverein als Ort einer konzentrierten und zugleich experimentellen Auseinandersetzung mit den maßgeblichen künstlerischen Fragen der Gegenwart. Pohlen verstand die Ausstellung nicht allein als Präsentationsformat, sondern als eigenständiges Erkenntnismedium – als einen Denk- und Erfahrungsraum, in dem sich ästhetische, gesellschaftliche und philosophische Fragestellungen verdichten und zur Diskussion stellen lassen. In monografischen Ausstellungen präsentierte sie unter anderem Ida Applebroog, John Bock, Miriam Cahn, Marlene Dumas, Mark Dion, Alighiero e Boetti, Peter Kogler, Jochen Lempert, Annette Messager, Rune Mields, Christa Näher, Olaf Nicolai, Peter Piller, Thomas Ruff, Charlotte Salomon, Kiki Smith, Katharina Sieverding, Nancy Spero, Lois Weinberger, Katharina Wulff und Heimo Zobernig. Themenausstellungen wie Das Verhältnis der Geschlechter, Über-Leben, Die Berechenbarkeit der Welt, Rewind to the Future oder Un-built Cities versammelten eine Vielzahl prägender künstlerischer Stimmen und schärften das Profil des Kunstvereins als Forum diskursiver Reflexion über Bedeutung und Verantwortung zeitgenössischer Kunst in gegenwärtigen wie zukünftigen gesellschaftlichen Kontexten. Durch die bewusste Verschränkung von regionaler Verankerung und internationaler Perspektive, die den Kunstverein bis heute charakterisiert, verband sie jüngste künstlerische Positionen mit historischen Linien von Fluxus, früher Medienkunst sowie partizipativen und intermedialen Konzepten seit den 1960er Jahren. Zugleich prägte sie das Haus in entscheidender Weise durch ihre Persönlichkeit: durch ein stets neugieriges Interesse an künstlerischen Entwicklungen und ihr unermüdliches Engagement, diese über Jahre hinweg zu fördern und kritisch zu begleiten; durch intellektuelle Großzügigkeit und argumentative Klarheit; durch die tiefe Überzeugung, dass produktive Auseinandersetzung Offenheit und Respekt voraussetzt. Für viele Künstler*innen, Kolleg*innen und Mitglieder des Kunstvereins war sie daher weit mehr als eine Direktorin – sie war prägende Gesprächspartnerin, verlässliche Instanz und oft auch persönliche Vertraute.
Nach 2004 setzte Pohlen ihre Arbeit als freie Autorin, Jurorin und Mitglied zahlreicher Fachjurys und Hochschulkommissionen fort. Sie publizierte weiterhin monografische Texte und Essays zu Positionen der Gegenwartskunst und blieb eine bedeutende, unabhängige Stimme im Kunstfeld, deren Souveränität aus genauer Kenntnis, historischer Reflexion und tiefer Empathie für künstlerische Prozesse erwuchs. Regional wie international vernetzt und geschätzt, war sie unter anderem langjähriges Mitglied der deutschen Sektion der Association Internationale des Critiques d’Art und in vielfältigen Gremien beratend tätig.
2018 erhielt sie im Museum Abteiberg den traditionsreichen Rheinlandtaler. Die Laudatio würdigte ihr langjähriges Wirken für die Gegenwartskunst im Rheinland als Ausdruck eines außergewöhnlichen Lebenswerks. 2021 entschied sich Annelie Pohlen, Objekte aus ihrer persönlichen Sammlung ausgewählten Museen im Rheinland zu schenken – eine Geste der Weitergabe und der Verantwortung gegenüber der Kunstgeschichte, die sie selbst maßgeblich mitgeschrieben hat.
Annelie Pohlens Arbeit war getragen von der Überzeugung, dass Kunst gesellschaftliche Wirklichkeit nicht nur spiegelt, sondern formt und befragt. Bis zuletzt war ihre Stimme klar, ihr Engagement unermüdlich. Ihr Werk wird bleiben: in Texten, in Archiven, in Ausstellungen – und im Gedächtnis einer Kunstlandschaft, die sie über Jahrzehnte entscheidend geprägt hat.