Die AICA Deutschland trauert um Annelie Pohlen (1944–2026)
Annelie Pohlen, eine der profiliertesten Kunstkritiker:innen, Kurator:innen und Kunstvermittler:innen ist am 28. Februar 2026 nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 82 Jahren in Bonn gestorben. Die AICA Deutschland trauert um ein verdienstvolles, langjähriges Mitglied, deren Beiträge stets von Leidenschaft und Überzeugung geprägt waren. Als streitbare Kämpferin für eine multiperspektivische Vision von Kunst, welche komplexe Zusammenhänge in Rechnung zu stellen vermag, plädierte sie für einen unverstellten Blick auf die aktuelle Kunst als Grundlagenforschung zur Überwindung normativer Festschreibungen. Ihr fundierter Blick auf das internationale Kunstgeschehen fokussierte daher weniger Stile oder Trends, sondern Haltungen.
Ein wenig Unbehagen bereitete es ihr schon, zuletzt zunehmend mit Anfragen bedacht zu werden, sich auf diversen Podien, in Gesprächsrunden oder Panels als Zeitzeugin zu äußern. Zur aufstrebenden Kunstszene im Rheinland damals in den 1970ern etwa oder zu den Anfängen von Vernetzungsstrategien einer sich unter feministisch-emanzipatorischen Vorzeichen formierenden Vermittlungsstruktur in der Kunst. Dennoch sagte sie häufig und gerne zu, nicht zuletzt, um die jeweilige Plattform mit rückschauender Themenstellung in eine Befragung der Gegenwart, dem hier und heute münden zu lassen, bei der die Relevanz anhaltender Problemfelder sicht- und verhandelbar erscheinen konnten. Nur schwerlich hätte man zu ebendiesen Anlässen eine vitalere und inspirierende Position hinzuziehen können.
1944 in Bernkastel-Kues an der Mosel geboren, studierte Annelie Pohlen Romanistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Bonn und Paris. Ihre Promotion zu einem frühmittelalterlichen Thema schloss sie 1973 ab. In die gleiche Zeit fällt jedoch bereits der Beginn ihrer Tätigkeit als freie Kunstkritikerin und Publizistin, u.a. für den Bonner Generalanzeiger, die Süddeutsche- oder die Nürnberger Zeitung. Für Radiostationen, wie den ORF oder den Sender Freies Berlin verfasste sie ebenso Beiträge, wie für internationale Kunstzeitschriften, darunter Kunstforum International, Artforum und Flash Art.
Ab 1980 engagierte sie sich zeitgleich zur Kritikertätigkeit als freie Kuratorin für den Bonner Kunstverein, der es sich, vor allem unter der Ausstellungsleiterin Margarethe Jochimsen, zur Aufgabe gemacht hatte, die überwiegend männlich dominierte Kunstszene herauszufordern und den Fokus immer wieder auf avancierte weibliche Positionen legte. Mit seiner gesellschaftskritischen Programmatik beteiligte sich der Bonner Kunstverein an kontrovers diskutierte Gegenwartsfragen und verschaffte der Institution weit überregionale und internationale Resonanz. Ohne ideologische Scheuklappen lenkte auch Annelie Pohlen mit ihren Ausstellungsprojekten einen differenzierten Blick auf die künstlerischen Tendenzen seit den 1960er Jahren. Im Rückblick charakterisierte sie ihren Impuls: „Ich habe eine latente Abneigung gegen Etikettierungen und Lagerbildung. Ich glaube an das Potential subversiver Strategien. Und ich bin überzeugt, dass es eben diese Strategien sind, die auch das Werk der vielen großartigen Künstlerinnen auszeichnen, die nicht nur ich vorgestellt habe. Künstlerinnenvermittlung um jeden Preis hielt und halte ich für wenig konstruktiv. Ich bin meiner eigenen Haltung gefolgt, habe aber auch die Vorgehensweise anderer immer respektiert. Folglich würde ich meine Art zu handeln nicht als weniger politisch einschätzen. Ganz im Gegenteil, ich bin nicht nur eine politisch sehr aufmerksame und engagierte Zeitgenossin – was mit Parteipolitik wenig zu tun hat – sondern eine sehr vehemente Verfechterin der Relevanz von Kunst für die Gesellschaft.“
Diese Auffassung bestimmte auch ihr Ausstellungsprogramm, nachdem sie 1986 als erste hauptamtliche Direktorin die Leitung des Kunstvereins übernahm und ab 1987 deutlich größere Räumlichkeiten in einer ehemaligen Blumengroßmarkthalle bespielen konnte. Zahlreiche Einzel- und Themenausstellungen realisierte sie hier im engen Austausch mit den Künstler:innen, welche zumeist mit wegweisenden Publikationen und profunden Textbeiträgen begleitet wurden. Von den knapp 200 Ausstellungsprojekten seien beispielhafte monografische Ausstellungen genannt: Christa Näher (1983), Gustav Kluge (1988), Nancy Spero (1990), Annette Messager (1990), Ida Applebrook (1991), Thomas Ruff (1991), Kiki Smith (1992), Alighiero e Boetti (1992), Marlène Dumas (1993), Urs Lüthi (1993), Jean-Luc Vilmouth (1994), Franz Graf (1995), Charlotte Salomon (1995), Miriam Cahn (1996), Peter Kogler (1997), Jochen Lempert (1997), Marie José Burki (1998), Heimo Zobernig (1998), Patrick van Caeckenbergh (1999), Olaf Nicolai (2000), John Bock (2001), Eran Schaerf (2002), Lois Weinberger (2002), Mark Dion (2003), Henrik Håkansson (2003).
In- und ausländische Jurys konnten auf ihre kenntnisreiche Expertise und Mitwirkung zählen: U.a. die Förderkojen der Art Cologne, die Stiftung Kunstfonds, das Deutsch-französische Jugendwerk, das DAAD Berliner Künstlerprogramm, der Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen, das Peter-Mertes-Stipendium des Bonner Kunstvereins, die Videonale e.V. und die Studienförderung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Diesen Einsatz vornehmlich für die Künstler:innennachwuchsförderung setzte sie auch fort, nachdem sie 2004 die Leitung des Bonner Kunstvereins niederlegte. In der Folge widmete sie sich wieder verstärkt als freie Autorin der kritischen Begleitung des Ausstellungsgeschehens und verfasste profunde monografische Beiträge zu geschätzten Wegbegleiter:innen, aber auch zu künstlerischen Neuentdeckungen. Weiterhin bereiste Annelie Pohlen die Kunstorte und behielt mit Neugier den Austausch über die Belange der Kunst aufrecht. Kunst war und blieb für sie das Mittel zur Auseinandersetzung mit den Grundfragen der Existenz. Hierüber ins Gespräch zu kommen und in einen ebenso streitbaren wie wertschätzenden Dialog mit Gleichgesinnten zu bleiben, zeugte für ihren wachen Geist, dem eine Prise Protestheiterkeit nicht fehlen durfte. „Jede sich als Wahrheit ausgebende These ist mir suspekt, weshalb mir das offene Territorium der Kunst gerade recht ist.“ – bilanzierte sie ihre Sichtweise.
2018 wurde sie für ihre Verdienste um die Vermittlung aktueller Kunst zusammen mit Renate Puvogel mit dem Rheinlandtaler des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) geehrt. 2024 übergab sie dem ZADIK ihr umfangreiches Archiv mit ihren Texten zur Kunstkritik, Korrespondenzen mit Künstler:innen und Fotografien von Ausstellungen, Aktionen und Vernissagen als Vorlass und bereichert damit die ZADIK-Bestände der Kunstkritiker:innen.
Ohne Zweifel hatte Annelie Pohlen ihren Un-Ruhestand sehr genossen. Bis vor kurzem noch konnte man ihr auf diversen Eröffnungstouren begegnen. Schnell entspann sich dann dort der Austausch – etwa über die aktuellen Pläne, Texte, die in Arbeit waren, Neuentdeckungen, auf die man kürzlich gestoßen sei, über Begegnungen mit gemeinsamen alten Bekannten. Annelie Pohlen hielt sich auf dem Neuesten Stand, pflegte die Kontakte, wo es nur ging, freute und bedankte sich über jedwede Rückmeldung. Bis zuletzt blieb Annelie Pohlen den Menschen, der Kunst, dem Dasein an sich zugewandt und bedachte etwaige gesellschaftliche oder politische Fehlentwicklungen mit ihrer wohlverdienten Schelte. Ihre geradlinige, unbestechliche Art wird fehlen. Ihre Arbeit, ihr Werk wird hingegen im Gedächtnis verbleiben – als Ansporn, die emanzipatorischen Potentiale der Kunst nicht aus dem Blick zu verlieren und den Dialog, den Austausch fortzusetzen.
Harald Uhr