Nominiert von: Jan Verwoert

Das Georg Kolbe Museum (GKM) macht hinsichtlich zahlreicher, für Aufgaben und Möglichkeiten von Museen heute entscheidender Gesichtspunkte ein hervorragendes Programm. Der Leitung des Hauses gelingt es, unter budgetär höchst prekären Bedingungen einen Ort zu schaffen, der auf wirklich beispielhafte Weise Kontinuität, Konzentration und kritisches Engagement in der Beschäftigung mit Kunst möglich macht.

Ein ausschlaggebendes Kriterium bei der Beurteilung von Museumsarbeit ist, wie ein Haus immer wieder neu und anders ein Bewusstsein für die historische Aktualität seiner Sammlung herstellt. Dr. Kathleen Reinhardt als Direktorin gibt in ihren Ausstellungen im Georg Kolbe Museum zeitgenössischen Künstler:innen sowohl die Freiheit, aufeinander einzugehen, als auch die Aufgabe, ausgewählte historische Kontexte aus dem Umkreis des Werkes von Georg Kolbe zu befragen.

Aber nicht nur die Arbeiten Kolbes bilden einen Ausgangspunkt. 2024 zeigte eine Ausstellung am GKM das Œuvre der Choreografin Noa Eshkol als Dialog mit WegbegleiterInnen ihrer Zeit und mit jüngeren Künstlerinnen Tamaschke und Reinhardt inszenierten diese Dialoge durchgehend so, dass sich die Arbeiten gleichermaßen kritisch herausfordernd und einfühlsam intelligent miteinander verschränkten.

Ein Raum im Haus ist dauerhaft der Befragung der Sammlung gewidmet. Es gibt regelmäßig neue Displays, die ausgewählte Werke im Licht wechselnder Fragestellungen mit klaren wissenschaftlichen Texten umrahmen.

Diese wissenschaftliche Vermittlung steht nun Seite an Seite mit der künstlerischen Auseinandersetzung. Das Museum traut aktueller Kunst zu, historische Kunst in all ihren Ambivalenzen aufzuschlüsseln.

2025 war das 75. Jubiläumsjahr der Gründung des Museums. Zu diesem Anlass zeigte das Haus die Gruppenausstellungen „Tea and Dry Biscuits“ und „Liaisons“. Im größten Raum des Gebäudes, Kolbes früherem Bildhaueratelier, platzierte Tamascke Skulpturen aus der Sammlung, viele von ihnen heroisch im Ausdruck, jedoch voller Risse, die mit Bandagen verbunden waren. Auf diese Vorgabe geht Harry Hachmeister in „Liaisons“ ein, indem er den Skulpturen Medizinbälle aus farbig glasiertem Ton vor die Füße legte. Jens Pecho reagierte mit einer Klanginstallation: In Abständen ertönte eine vom Pianisten Ben Cruchley rückwärts eingespielte Version von Beethovens Mondscheinsonate.

Das Zusammenwirken der Arbeiten veränderte die Stimmung im Raum auf subversive wie berührende Weise. Tonbälle sind zugleich schwerer und zerbrechlicher als Turnbälle. Der Ausdruck der Musik, rückwärts gespielt, besitzt weiterhin Gravität und Organizität. Da man sich nicht mehr an der bekannten Melodie orientieren kann, tritt die Komplexität der Komposition deutlich zutage, verändert alles im Raum, lässt es verfremdet, verletzlicher, komplizierter erscheinen.

Das nimmt Kolbe nicht vor der Geschichte in Schutz. Pecho ergänzt eine Collage von John Heartfield, die Kolbe dafür verhöhnt, dass er den Auftrag annahm, eine Büste von Franco zu machen. Ebenso gehört zum historischen Rückblick die Kopie eines Briefes, in dem sich ein jüngerer Kollege Kolbe anvertraut, aufgrund seiner Homosexualität von der Schule geflogen zu sein, und Kolbe bittet, als Fürsprecher aufzutreten. Im Seitentrakt sind Fotos von Herbert List installiert. List und Kolbe kannten sich. Wie Kolbe sucht auch List in einer modernen Darstellung von Männern den Widerhall klassizistischer Ideale. Nur ist sein fotografischer Blick offener homoerotisch als der bildhauerische Stil Kolbes. Der Vergleich aber zeigt: Der Unterschied ist ein gradueller, kein grundsätzlicher. So verstärkt die Ausstellung queere Resonanzen und situiert Kolbe zugleich präzise auf der Schwelle zwischen Bohème und System. Sie ermöglicht mit künstlerischen Mitteln eine höchst aufschlussreiche Annäherung an den unauflöslichen Umstand, dass Kolbe künstlerisch gesellschaftlichen Vertreter:innen freiheitlicher Lebensweisen, aber zeitweise eben auch den faschistischen Eliten Spaniens und Deutschlands gleich nahe stand.

Das Klima der kritischen Intimität bestimmt die herausragende Qualität der Ausstellungen im GKM ebenso wie der besondere kuratorische Umgang mit der räumlichen Beschaffenheit des Hauses. Die begrenzten Räumlichkeiten wissen Reinhardt und Tamaschke zum Vorteil der Werkinszenierung zu nutzen. Sie geben ihren Ausstellungen einen eindrücklichen Zusammenhalt, indem der Besuch zur Erfahrung einer Nähe zu und zwischen den Werken wird. Andererseits verstehen sie es, den uneinheitlichen Grundriss des Hauses (der hohe weite Atelierraum grenzt an hohe schmale Nebenräume, die zu sehr verschieden geschnittenen Kellerräumen überleiten) so zu erschließen, dass jeder Raum einen neuen Kontext aufmacht, eine andere Situation schafft und die Stimmung wandelt. Bei aller Kompaktheit erfahren die Besucher:innen zugleich eine größte kritische Differenziertheit. Wo manches größeres Haus scheitert, eröffnen Reinhardt und Tamaschke auf der begrenzten Fläche des Georg Kolbe Museums einen Zugang von eindrucksvoller Tiefe und Breite.

Kleinere und mittlere Museen werden derzeit von den Kürzungen im Kulturetat an den Rand ihrer Handlungsfähigkeit getrieben. Eine solche Förderungspolitik läuft effektiv auf einen Kahlschlag und eine Konzentration weniger großer Museen hinaus. Die Vergabe des Preises an das Georg Kolbe Museum soll in diesem Sinn auch ein Zeichen gegen verfehlte Kulturpolitik setzen.