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Informationsdienst Kunst 687 S. 16-17

Kunstkritik im gesellschaftlichen Diskurs
Der Internationale AICA Kongress tagte in Köln und Berlin

Welche Bedeutung kommt der Kunstkritik in unserer Zeit zu? Welche Rolle kann oder sollte sie gesellschaftlich einnehmen? Fragen, die in der vergangenen Woche auf dem 52. internationalen AICA Kongress in Köln und Berlin ausgelotet wurden.
Kunstkritiker aus aller Welt trafen sich, um über das Thema »Kunstkritik in Zeiten von Populismen & Nationalismen« zu sprechen. Ob »Kunstkritik als Vehikel des Wandels in der Ära von #MeToo« (Belinda Grace Gardner), »Anti-Feministisches Aufrüsten im Sprachgebrauch des spanischen Nationalpopulismus« (Miguel Rivas Venegas) oder »Dekolonisierung und deutsche Kulturpolitik. Warum es so kompliziert ist, Kunst zurückzugeben « (Thomas E. Schmidt): Inhaltlich ging es räftig zur Sache. In über 20 knapp halbstündigen Vorträgen wurde dargelegt (oder auch angeregt), die sich die Kunstkritik im gesellschaftlichen Diskurs positionieren kann.
Was in den sieben Tagen des Kongresses überaus deutlich wurde: Nur um eine ästhetische Betrachtung von Kunstwerken geht es in der Kritik weniger denn je. In einer Zeit, in der die Kunst oftmals politisch ist und aktives Handeln einfordert, kann die Kritik nicht zurückstehen, muss auch sie sich äußern. Blenden wir an dieser Stelle aus, dass es nach wie vor eine »L’Art pour l’art« gibt, die Ästhetik und Formalismen in den Vordergrund stellt und die selbstverständlich auch von Autoren beschrieben und gewürdigt wird. Interessant eine Anmerkung von Danièle Perrier im Vorwort der Begleitpublikation zum Kongress. Die Präsidentin der AICADeutschland weist darauf hin, dass auch die Kritik einen Anteil an populistischen Entscheidungen im Umgang mit der Kunst haben könne. Als Beispiel nennt sie Bilder, die gegen neu entwickelte ethische Werte von Teilen der Gesellschaft verstoßen und denen plötzlich – in einer Art modernem Bildersturm – ihr Existenzrecht streitig gemacht wird. Die Kunstkritik müsse hier vielleicht Bewertungskriterien zum Schutz von Werken definieren, die längst im historischen Kanon verankert sind. Eine gute Aufgabe, in der Tat, aber nur eine von vielen. Überflüssig ist die Kunstkritik also nach wie vor nicht, obwohl es kaum mehr festangestellte
Kritiker in den Redaktionen gibt. Stattdessen können viele Autoren die Gegenwartskunst nur nebenberuflich oder in prekärer Einkommenssituation analysieren.
pep

zum Original


Kunstforum, Bd 263, S. 322

Kunstkritik in Zeiten von Populismen und Nationalismen.
Danièle Perrier zum 52. Internationalen AICA Kongress. Ein Gespräch von Kerstin SchremmelPDF


Danièle Perrier P!EL media

Kunstforum, Bd. 263, S. 32 Preise

Walter Grasskamp erhält den preis für herausragende Kunskritik des internationalen Kunstkritikerverbands (AICA)


Walter Krasskamp Britta Lauer 1997

Mensch Maus...!

Pour la liberté des Arts - Der Blog für die Freiheit der Künste
http://menschmaus.eu/association-internationale-des-critiques-dart/


Kölner Stadtanzeiger,1. Oktober2019, Grasskamp

„Wir regeln nicht die Vorfahrt“
Von Michael Kohler

Interview anlässlich der Verleihung des Prize for Distinguished Art Criticism der AICA International
Ludwig Museum, 1. Oktober 2019

Herr Grasskamp, das Thema des aktuellen Kunstkritikerkongresses AICA klingt geradezu apokalyptisch: „Kunstkritik in Zeiten von Populismen und Nationalismen“. Müssen wir jetzt alle die Freiheit der Kunst verteidigen?

Das Thema ist ja leider auch in Deutschland aktuell, ganz zu schweigen von dem, was Kolleginnen und Kollegen aus manchem Ausland zu berichten haben. Neuerdings ist hierzulande von „gleichgeschalteter“ oder „entstellter Kunst“ die Rede, was zwar ein Griff in die Mottenkiste ist, aber zeigt, dass die AICA für ihre internationale Jahrestagung ein wichtiges Thema gewählt hat.

Die Kunst scheint gerade politischer zu werden, und doch wurde die letzte Documenta für ihr Zuviel an politischer Haltung gerügt. Hat die Kritik den Anschluss verloren?

Kunstkritik ist immer politisch, weil sie stets auch ein Modellfall der Meinungsfreiheit ist. Kritiker sollten aber keine ideologischen Leibwächter der Künstlerinnen und Künstler sein oder politische Haltungszensuren verteilen, sondern Hintergründe erhellen und dazu widerspruchsfähig Stellung nehmen. Es sind ohnehin eher Kuratoren, welche die Kunst über Ausstellungen politisch zuspitzen. Aber selbst wenn Kunst sich unpolitisch gibt, ist sie immer auch ein Indikator der Gestaltungsfreiheit. Beide, Meinungsfreiheit wie Gestaltungsfreiheit, sind im Rahmen der Gesetze und des Respekts unverzichtbar, und Kunst ist dafür ein symptomatisches Handlungsfeld.

Neben der Politik gilt der Markt als zweiter großer Feind der Kunst. Gibt es das überhaupt: eine Kunst ohne oder gegen den Markt?

Man muss weder Marxist noch Unternehmensberater sein, um den Markt als das entscheidende Biotop der Kunst zu erkennen, ob einem das nun passt oder nicht. Wer die Bedeutung des Marktes für die Kunst leugnet oder dämonisiert, liegt gleichermaßen falsch. Es gibt keine Patentrezepte, um sich auf dem Markt zu behaupten, auch für Kritiker nicht; man muss seine Position vielmehr ständig überprüfen. Dabei gilt der schöne Spruch des Ausnahmemusikers Jack Bruce: „Kommerzialität ist die schlimmste Form der Selbstzensur.“

Früher haben Kunstkritiker maßgeblich mitgeholfen, bestimmte Stile durchzusetzen. Sind diese Zeiten vorbei, weil jetzt das große Geld die Richtung bestimmt?

Kunstkritiker lernen heute aus vielen Gründen sehr schnell, ihre Wirkung nicht zu überschätzen. Wer glaubt, als Kritiker im Kunstbetrieb noch die Vorfahrt regeln zu können, hat im Verkehrsunterricht nicht aufgepasst. Aber Kunstkritik hat so viele Gesichter wie Autorinnen und Autoren. Sie lebt von der Persönlichkeit – das hat sie mit der Kunst gemein. Und verschiedene Gesichter haben auch die Sammler und Fondsmanager, die Händler und Galeristen, die ihr Geld in Kunst investieren. Keiner von ihnen hätte je langfristig die Geschichte der Kunst festschreiben können, auch ein Megasammler wie Peter Ludwig nicht. Die Kunstwelt ist allerdings durch den Aberglauben geprägt, dass kulturell wertlos ist, wofür nicht Unsummen von Geld gezahlt werden.

Sind Kunstkritiker damit überflüssig geworden?

Zeitweise schien es, als ob Kuratoren mehr Macht hätten als Kunstkritiker, weswegen in den 1990er Jahren eine ganze Nachwuchsgeneration, die früher in die Publizistik gegangen wäre, Kurator werden wollte. Aber hier wie dort liegt eine meinungsbildende Wirkungsmacht nur bei wenigen und ist nicht von Dauer. Doch bleibt die freie Konkurrenz der Meinungen wichtig, davon lebt die Demokratie. Nicht umsonst war die Auseinandersetzung mit der modernen Kunst ein Übungsfeld der jungen Bundesrepublik, denken Sie nur an die Documenta.

Welche Rolle spielt die Kunstkritik in den digitalen Medien? Verliert sie weiter an Bedeutung oder lebt sie auf Instagram einfach weiter als wäre nichts geschehen?

Kunstkritik ist ein Kind des Papierzeitalters – angefangen mit Vasari und seiner Legendenbildung im 16. Jahrhundert über Diderots Kritik am monarchistischen Kunstbetrieb des 18. Jahrhunderts bis zu Clement Greenberg, dem ersten Influencer der transatlantischen Moderne im 20. Jahrhundert. Soweit ich sehe, hat noch niemand eine ähnliche Karriere allein im Internet aufbauen können, aber ausgeschlossen ist das keineswegs. Kunstkritik war übrigens immer hybrid, was ihre Foren angeht, ob im Vortrag, in der Zeitungskritik, im Buch, im Katalogtext, im Radio oder im TV. Nun ist eben das Internet hinzugekommen. Ich persönlich hänge am Papier.

Sie werden heute in Köln für ihr Lebenswerk als Kunstkritiker geehrt. Hochverdient, oder?

Der einzige Preis, den ich je erhalten habe, war 1977 der „Förderpreis der Stadt Aachen für junge Künstler“, was, wie man sieht, nur einen geringen prognostischen Wert hatte, aber damals für mich sehr wichtig war. Der AICA-Preis ist die Anerkennung für ein Lebenswerk, und da freut es mich besonders, dass er von einer international besetzten Jury zuerkannt wurde.

ZUR PERSON

Walter Grasskamp, geboren 1950 in Kapellen-Erft, erhält am 1. Oktober in Köln den „Preis für herausragende Kunstkritik“ des Internationalen Kunstkritikerverbandes (AICA). Grasskamp hat zahlreiche (und allesamt höchst lesenswerte) Bücher veröffentlicht, zuletzt ist „Das Kunstmuseum – eine erfolgreiche Fehlkonstruktion“ erschienen. (KoM)

Kölner Stadtanzeiger. 1. Oktober 2019


Kunstzeitung, Setember, Nr.277, S.7

Warum ich mich im Kunstkritikerverband AICA engagiere
Bernhard Schulz

Anfang Oktober steht die deutsche Sektion der AICA, des Internationalen Kunstkritikerverbandes, im Fokus der Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt. Dann nämlich findet der 52. Internationale Kongress der AICA statt, an aufeinander folgenden Tagen in Köln und Berlin. Für den deutschen AICA-Verband ist das, wie es die Organisation eines Kongresses so an sich hat, eine Herausforderung – besonders aber, weil zurückliegende Kongresse in aller Herren Länder mal schlichtweg großartig, mal eher chaotisch, aber immer ertragreich waren. Und sie sind das Aushängeschild der veranstaltenden, nationalen Sektion. Als berufsständischer Verband ist die AICA eher eine Art Feuerwehr als ein großer Motor – Feuerwehr, wenn es um die Arbeitsbedingungen von Kritikern geht, die nicht in jedem Staat so freu und wohlgelitten ihrer Tätigkeit nachgehen können wie bei hierzulande. Der internationale Austausch ist vielleicht das größte „Asset“ der AICA, denn wenn Kritiker auch über die Landesgrenzen hinaus arbeiten – die zahlreichen Biennalen sind nur ein Beispiel -, so sind die Kontakte in ein anderes Land und die Kenntnisse darüber doch meist eher begrenzt. Und da die Arbeit des Kritikers eine eher einsame ist, tut der Kontakt, der Informationsaustauch generell gut. Es tut gut, sich als Mitglied eines weltumspannenden Verbandes ein wenig weniger isoliert zu fühlen, sondern Teil zu sein eben des großen Kulturbetriebs. Und die AICA wirkt nicht nur nach innen, für ihre Mitglieder (um dezent an den hoffentlich alle Eingangshindernisse überwindenden AICA-Presseausweis zu erinnern). Ich selbst bin seit 1986 Mitglied. Ein paar Mal schon hatte ich die Ehre, den Kandidaten für die Auszeichnungen „Museum des Jahres“ oder „Ausstellung des Jahres“ vorzuschlagen, auch die von einem jährlich wechselnden Einzeljuror zu vergebende Auszeichnung „Besondere Ausstellung des Jahres“ lag einmal in meinen Händen. Also musste jedes Mal eine Laudatio gehalten werden; sie ist das eine und einzige Sahnehäubchen, das die rein nominelle, ohne irgendeine Preissumme vergebene Auszeichnung ziert. Egal, wie saturiert oder eher um seinen Weg kämpfend das betreffende Museum war: Jedes Mal meine ich Freude bei den Ausgezeichneten gespürt zu haben, schlichtweg Freude darüber, dass die eigene, mitunter auch lästige oder belastende Arbeit gewürdigt wird. Und dass diese Würdigung von einem Berufsstand kommt, den man gewiss hin und wieder zum Teufel wünscht, dessen Neugier und Interesse es gleichwohl stets zu erringen gilt, weil sich in der kritischen Berichterstattung die eigene Leistung spiegelt. Museen – und mit ihnen Kuratoren, Sammler, Galeristen – und Kritiker stehen einander gegenüber – aber sie teilen das Interesse und (hoffentlich) die Freude an der Kunst.

Eben darum, aus all den genannten Gründen, bin ich Mitglied der AICA - und bin es gern.


Bernhard Schulz

Informationsdienst KUNST 68, 29. August 2019, S. 4

.Informationsdienst KUNST: Vom 1. bis 7. Oktober findet in Köln und Berlin der 52. Internationalen AICA-Kongress statt. Dazu erwartet die AICA Deutschland Kunstkritiker aus der ganzen Welt. Im Zentrum der Vorträge und Diskussionen stehen populistische Tendenzen und der wiedererstarkte Nationalismus. Wie kann die Kunstkritik auf solche Phänomene reagieren?

Es ist die Frage, wie unabhängig Kunstkritik von Populismus und Nationalismus ist. Denn auch der Kunstkritiker ist in seiner Wertung nicht frei vom Kontext, in dem er lebt und seine Interpretation der Kunst wird immer von eigenen Überzeugungen abhängen. Deshalb bleibt die Beurteilung von Kunst kontrovers und das sollte auch so bleiben: gerade die lebhafte Diskussion darüber ist Kennzeichen einer freien Gesellschaft. Wichtig scheint mir, dass in der Beurteilung eines Kunstwerks der Kontext seiner Entstehung –zeitlich, örtlich, gesellschaftlich – einfließt, die Kritik sich aber auf die „bildstarke“ Umsetzung des Themas konzentriert. Das macht doch letzten Endes die Qualität eines Kunstwerkes aus.

Per se ist Kunst aller Sparten das beste „Imprägnierungsmittel“ gegen Nationalismus, hat sie sich doch nie von politisch gezogenen Grenzen einengen lassen.

Und wie steht es um die Freiheit der Kunst, wenn Kunstwerke immer öfter einer moralischen Messlatte unterworfen werden?

Die Kunst ist Spiegelbild der Gesellschaft und so gesehen reflektiert sie die aktuellen Diskussionen, besonders gerade die über Gender, Klima, Rassismus und Post-Kolonialismus. Sind es nicht vielmehr Stimmen aus der Kunstkritik, die ihr das Recht der Autonomie absprechen, sie an moralische und ethische Werte messen und sich somit populistischer Mittel bedienen und den Populismus damit ungewollt unterstützen? Vielmehr ist Aufgabe der Kunstkritik, Qualitätsmerkmale zu entwickeln und nuanciert auf den Kontext ihrer Entstehung zu reagieren. Historische Werke mit problematischem Inhalt sollten – sofern sie nicht gegen Grundsätze der Humanität und geltendes Recht verstoßen – mit kritischen Anmerkungen gezeigt werden – Bilderstürmerei ist hier fehl am Platz.


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