Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD
  Berliner Symposium 1999
  Thomas Wulffen
Der Kritiker lacht ! - Lacht der Kritiker ?
Bemerkungen zur Autonomie
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    Neue Rundschau

Wenn Kunstkritik in dieser Situation ernst genommen wird und ernst genommen werden will, muss sie darauf reagieren und sich auch als Kulturkritik verstehen. Das aber führt zu einem weiteren Problem: Wo beginnt Kultur und wo endet sie?
Konnte man in den achtziger Jahre noch von einer Ästhetisierung der Lebenswelt sprechen, in der alles zu einem zugegebenermaßen mehr oder minder ästhetischen Bild wurde, muss jetzt wohl eine Art Kulturalisierung der Lebenswelt festgestellt werden. Was nicht kulturell dominiert ist, muss gesucht werden. Das liegt nicht an einem erweiterten Kulturbegriff, wie anzunehmen wäre, sondern an der Entdeckung der kulturellen Produktionssphäre für eine spätkapitalistische Warenproduktion, der Bohemisierung der Produktion. Waren werden durch Bilder von Waren ersetzt und diese Bilder erzeugen erst das Bedürfnis und die Bedarf zur Befriedigung dieses Bedürfnisse. Die Widersprüche im System werden zu einem Parfum, contradiction by Calvin Klein.

Ich wiederhole: Kunstkritik hat darauf zu reagieren. Das sie das nicht so tut, wie von ihr erwartet wird, löst Frustration aus. Das mag einer der Gründe für die Kritik an der Kritik sein. Auf die bestehende Situation kann sie nicht angemessen reagieren, weil ihr immer noch die dazu geeigneten Darstellungsmittel fehlen. Das ist auch die Folge einer zunehmenden Gettoisierung der Kunstkritik und ihrer Vertreter innerhalb des Systems und außerhalb davon. Unzählige unterschiedliche Interessengruppen vertreten ihre Klientel und machen sich untereinander nicht einmal das Terrain streitig. Diskurse schließen sich an ähnliche Diskurse an, in der Hoffnung sich gegenseitig zu verstärken. Innerhalb der diversen Interessengruppen sind naturgegebenermassen die Interessen mehr oder minder gleich. Wer sich in dem einen Terrain bewegt, darf sich nicht auf einen anderen bewegen. Das ist die Situation innerhalb des Systems.

Das Bild des Kritikers als Opponenten, wie es Klaus Honnef anhand eines Bildes von Wegee entwirft, gehört von daher einer anderen Zeit an.

Der Begriff der Collaboration, wie er im Titel dieser Veranstaltung vorkommt, bekommt dabei einen ganz anderen Ton und er ist einer der Fallstricke zeitgenössischer Kunstkritik. Das beginnt bei:

»Schaltest du mir eine Anzeige, lasse ich dir ein Review schreiben.« Früher oder später werden daraus Diskurspartnerschaften, die jede wirkliche Kritik ins Abseits bringen. Wer sich darauf nicht einlässt, muss selber zahlen anstatt honoriert zu werden. Wer unabhängig bleibt oder die Fronten wechselt, kann sehen, wo er bleibt. Dabei wäre der

Rollenwechsel

eines der Mittel, um die Kritik wieder an ein Außerhalb des Systems anzuschließen. Meine eigene kuratorische Tätigkeit habe ich auch immer als eine Art des Schreibens, der Kritik verstanden.
Der ökonomische Druck wird ihn oder sie dahin stellen, wo wir ihn oder sie haben wollen. Dabei kann dem Kritiker das Lachen vergehen.

Von außen aber werden die kunstkritischen Diskurse als weißes Rauschen wahrgenommen, denen die interessierte Allgemeinheit von Ferne zuhört. Wenn Kunst zur Dienstleistung wird, dann kann sie auf Wahrnehmung hoffen, vor allem durch jene, denen diese Dienstleistung zugute kommt, bis jener Abnutzungseffekt entsteht, der Kunst zur Erweiterung der Büroeinrichtung werden lässt. Ähnliches gilt für den Bereich Entertainment, den man als Oberflächenphänomen betrachten könnte, wäre hier nicht ein Publikum, das die gewohnten Kriterien der Rezeption von Kunst nicht akzeptiert und eigene Zugänge zur Kunst konstruiert. Dort zählt Jim Avignon mehr als Gerwald Rockenschaub. Weil uns Kriterien zur dieser Art von Rezeption fehlen, können wir sie weder wahrnehmen noch beschreiben. Und der Bereich kultureller Produktion endet weder in der Galerie noch im Atelier. Wer an neue Medien denkt wie digitale Bildverarbeitung oder Internet wird den Ort kultureller Produktion früher oder später gar nicht mehr situieren können. Dass diese Medien auch eigene Kanäle zur Darstellung und Distribution finden, versteht sich von selbst. Es ist abzusehen, dass in diesen Bereichen Kunstkritik gar keine Rolle mehr spielen wird. Es gibt schon heute kulturelle Produktionen, die ganz ohne Kritik auskommen und dennoch gedeihen.

Die Metakritik der Kritik ist ein Krisenphänomen, die auf solche Befindlichkeiten reagiert. So muss Kunstkritik heute als eine Art Expertensystem verstanden werden, Experten reden mit Experten über Erscheinungen für Experten. Und es sieht so aus, als ob solche System sich nicht von innen heraus aufbrechen lassen. Wenn schon die eigentlichen Institutionen für Kunst nicht zu einer Selbstbeobachtung fähig sind und daraus ihre Konsequenzen ziehen, was soll man dann von einer Kunstkritik verlangen, die diese Institutionen kritisieren? Eine institutionalisierte Kultur bringt auch nur eine institutionalisierte Kritik hervor.

Stephan Heidenreich deckt dabei einen Widerspruch auf:
»Was Kritik zu sagen hat, wird viel weiter verbreitet als die kulturellen Ereignisse und Werke, die einem technisch begrenztem handwerklichen Standard von Aufführungen und Einzelstücken verpflichtet bleiben. Kritik wird damit zum Vorbild eines richtigen Verständnisses vom Werk.« 7)

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7) Stefan Heidenreich: "Unterscheiden statt Urteilen - Kritik als Differenzagent" in Neue Rundschau, 110 Jahrgang 1999 Heft 2, S.35
    Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich warte immer noch auf den Kunstverein, der mit dem Motto wirbt: 'Kunst allein kann nicht sein' und das dann auch umsetzt.

Das hieße dann auch, Kunst und deren Kritik als Erkenntnismittel einzusetzen und sie in Vergleich oder Konkurrenz mit anderen Erkenntnis- und Ausdrucksmitteln zu setzen. Denn Kunst steht in Konkurrenz mit einer Unterhaltungsindustrie, die ganz andere Größen und Verhältnisse kennt. Es sieht so als, als wäre die Devise: 'Augen zu und durch.' Wer die Augen offenhält, vergleicht das Expertensystem Kunstkritik mit anderen Expertensystemen, sucht die Anschlüsse an ein Außen des Betriebssystems Kunst. Allzu sehr allerdings liegt dabei die Betonung auf dem Wortteil 'Betrieb', ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein.

Dabei bietet der Begriffteil 'System' den Übergang zum 'offenen System' an. Kultur ist heute zu diesem offenen System geworden, das viel unterschiedliche Bereiche kennt, die Anschlüsse suchen und finden.

Stephan Heidenreich stellt fest:
»In einer Kultur, die allgemein zugänglich ist und damit tatsächlich das Attribut 'lebendig' verdienen würde, löst sich das feste Band zwischen Werk und Kritik, Ereignis und Bedeutung auf in eine Vielzahl der Differenzen, an denen sich Meinungen und Möglichkeiten multiplizieren. Das Publikum darf dann nicht länger als uniforme Einheit oder Masse begriffen werden, sondern spielt sein eigenes Spiel mit einer Summe sehr verschiedener Positionen.« 8)

  8) a.a.O. S 39
    Um dieser Situation gerecht zu werden, schlägt er vor vom Urteilen zum Unterscheiden überzugehen: »Die Kritik entwirft ein relatives Urteil, entdeckt Eigenheiten eines Werks, vergleicht sie mit anderen und spielt das Spiel des Publikums mit, indem sie dessen Identitäten und Differenzen aufgreift. Die Aussageform der Kritik entspringt dann dem gleichen Spiel wie Kultur selbst - sie entwirft 'Images', indem sie Unterschiede markiert, weiterleitet und sich dabei selbst im Licht der Unterscheidungen und Zuweisungen verortet.« 9)
  9) a.a.O. S 39
    Das heißt dann, das Objekt, das Werk in ein Netz aktueller und historischer Bezüge zu setzen, die immer aus dem Betriebssystem Kunst hinausweisen können und vielleicht ein vorläufiges Ende bei einer elektrisch betriebenen Zahnbürste finden.
Für diese Verortung aber ist auch die eigene Verortung innerhalb dieses kulturellen Systems notwendig. Dieses Symposion mag einen Beitrag dazu leisten. Sie kann aber auch spezifisch vorgenommen werden, indem die Darstellungsmittel der Kritik selbst zur Darstellung kommen.
Sollte der Kritiker, die Kritiker sich auf das notwendiges Spiel der Differenzen einlassen, wird früher oder später, ein Lächeln oder Lachen Teil dieses Spiel sein.

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Jasper Johns hat auf die Frage nach der Zukunft der Malerei geantwortet:

»Ich mache mir, was die Zukunft der Malerei betrifft, weder Hoffnungen noch keine Hoffnungen.« 10)

Was die Zukunft der Kritik betrifft, kann hoffentlich etwas anderes gesagt werden.

  10) Jasper Johns im Gespräch mit Robert Fuller in: Jasper Johns: "Ziele auf maximale Schwierigkeit beim Bestimmen dessen, was passiert ist." - Interviews, Statements, Skizzenbuchnotizen. Herausgegeben von Gregor Stemmrich, Verlag der Kunst (Fundus-Bücher; Bd. 146), Dresden 1997, S. 158
 
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©   Thomas Wulffen, 1999