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| Berliner Symposium 1999 | ||||||
| Thomas Wulffen Der Kritiker lacht ! - Lacht der Kritiker ? Bemerkungen zur Autonomie (1) |
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| Sehr geehrte Damen und Herren, vor 31 Jahren veröffentlichte Richard Hamilton einen speziellen Siebdruck als Teil einer Unterstützungsaktion für die documenta IV in Kassel. The critic laughs Der Siebdruck trägt den Titel 'The critic laughs' und Richard Hamilton bezog sich mit dieser Arbeit auf ein Werk von Jasper Johns. Die kleine Skulptur von Johns aus dem Jahre 1959 trug den Titel 'The critic smiles'. Wie sie dem Titel diese Vortrags entnehmen können, habe ich mich für die Referenz, mit f, auf die Reverenz, mit v entschieden. Das Objekt von Jasper Johns zeigt eine handelsübliche Zahnbürste, die mit der bloßen Hand bedient wird. Dagegen beschreitet Richard Hamilton den Weg zur Mechanisierung, denn aus dem Siebdruck wurde zwei Jahre später ein Multiple: ein mechanisches Gebiss mit einem richtigem Motor und einer Gebrauchsanleitung; produziert von der Edition René Block. Ich zitiere aus der Gebrauchsanweisung: »Bei sorgfältigen Gebrauch wird dieses Kunstwerk viele Jahre zu Ihrer Zufriedenheit funktionieren.« 1) |
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| 1) In René Block: "Bemerkungen zu Anliegen, Aufbau und Auswahl der Ausstellung" in Ausstellungskatalog: Multiple - Ein Versuch die Entwicklung des Auflagenobjekts darzustellen. Neuer Berliner Kunstverein, Berlin 1974, S.20 |
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Zwei Interpretationen sind für das Objekt von Richard Hamilton möglich. Die eine schließt sich direkt an das Objekt von Jasper Johns an und lässt die Arbeit von Richard Hamilton zum Paradox werden. Denn zum einen ist keine Zahnbürste mehr vorhanden und ein Gebiss wird per Sprudeltablette gereinigt. Was also soll mit dem mechanischen Gebiss gereinigt werden ? Wo Johns noch auf eine Handlung anspielt, zeigt Hamilton das Lachen selbst oder die Bedingung der Möglichkeit von Lachen: Der Kritiker ist zahnlos und will dennoch Zähne zeigen Er lacht mit weißen Zähnen auf gereinigtem Gebiss. Eine andere Interpretation entwickelt sich aus der ersten Begegnung mit dem Multiple von Hamilton und beantwortet die Frage, wie das Lächeln oder Lachen eines Kritikers aussieht. Gebleckte weiße Zähne und ein mechanisches Lachen. Apparat Das führt zur Frage, ob der Kritiker, die Kritikerin überhaupt Grund zum Lachen hat. Einen Hinweis darauf, dass diese Frage von Bedeutung ist, gibt Hamilton selbst: »Produkt, Verpackung und Entwürfe bilden eine Zyklus in der Konsumgüterindustrie. Nach meiner Erfahrung und meiner Praxis gibt es nichts, was darauf hindeuten würde, dass dieser gleiche Zyklus sich nicht auch auf die Kategorie der Objekte bezieht, die wir Kunst nennen.« 2) |
2) a.a. O. S.20. Der angeführte Artikel enthält eine genaue Schilderung der Herstellung des Multiples ‚The critic laughs' von Richard Hamilton durch René Block. |
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Unter dieser Vorgabe wäre die Kritik nicht mehr auf die Kunst bezogen, sondern auf einen Zyklus, der dem der Konsumgüterindustrie gleicht und wir hören ein schwaches Echo der Adornoeschen Kritik an der Kulturindustrie. Die Kenntnis dieser Kritik gehört zum Rüstzeug eines zeitgenössischen Kunstkritiker oder anders gesagt, eines Kritiker der zeitgenössischen Kunst. Denn um die Kritik an der zeitgenössischen Kunst geht es hier. Damit meine ich Kunst, die heute gemacht wird und gezeigt wird, wie auch immer, wo auch immer. Diese gegenwärtige Kunst lässt sich zwar auf die klassische Kunst der Moderne beziehen, aber allenfalls deren Institutionen der Darstellung und Vermittlung sind zeitgenössisch, nicht deren Werke. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil mit ihnen eine Grenze verbunden ist, die man gerne übersehen will. Velasquez Stephan Heidenreich beschreibt die alte Formation folgendermaßen: »Ein Bereich der traditionell als der 'höhere' gilt, geht auf die Kultur zurück, die von den Institutionen der bürgerlichen Staaten des 19. Jahrhunderts gepflegt wurde. Er ist wirtschaftlich zu weiten Teilen auf staatliche Unterstützung angewiesen und kommt in technischer Hinsicht ohne Medien wie Fotografie, Film oder Schallplatte aus, selbst wenn sie mittlerweile vielfach eingesetzt werden.« 3) |
3) Stefan Heidenreich: "Unterscheiden statt Urteilen - Kritik als Differenzagent" in Neue Rundschau, 110 Jahrgang 1999 Heft 2, S.34 |
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| Demgegenüber zeichnet sich immer mehr eine neue Formation ab, die mit technologischen Medien ganz andere Darstellungs- und Distributionsmittel zur Verfügung hat. Damit öffnet sich der Kultur ein ganz anderes Publikum, dem sich die zeitgenössische Kunst erst langsam annähert. Noch einmal Stefan Heidenreich: »Die künstlerischen Inhalte entwickelt diese Kultur in enger Bindung an ein Publikum, das technisch erreichbar und ökonomisch gewinnbringend ist. Auch wenn die Trennung zwischen einer Staatskultur und einer populären Kultur heute alles andere als unüberwindbar erscheint - sie wird ständig unterlaufen, wenn Orchestermusik auf CD erscheint, Fotos in Museen hängen oder das Fernsehen Theaterstücke zeigt - , werden hinter der publikumsgerechten Oberfläche sehr unterschiedliche Organisationsformen tradiert, die sich in verschiedenen Modellen von Finanzierung und Vertrieb sowie verschiedenen Begriffen von Original, Kopie, Autorschaft und Werk niederschlagen.« 4) |
4) a.a.O. S.34 |
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| Neben den grundlegenden Kenntnissen der Kunstgeschichte, Literatur, Musik, Theater und Film hat sich deshalb das Anforderungsprofil in den letzten Jahren erheblich erweitert. Es reicht nicht mehr die 'philosophische Hintertreppe' hinaufzugehen. Linguistic Turn, The return of the Real, The pictorial turn Neben den Hauptwegen öffnen sich Nebenwege mit unbekannten Gestalten und seltsamen Korrespondenzen. Scritti Politti sind da nicht nur die Schriften von Antonio Gramsci, sondern auch die Musik von Green Gartside. Um sich mit diesem Feld kultureller Praxis auseinander zu setzen, sollten die wesentlichen Ingredienzien bekannt sein. Das hieße unterscheiden zu lernen zwischen Moby und Tricky, zwischen MFG und MP3, zwischen Riven und Tomb Raider, zwischen Naddel und Verona, zwischen Berlin Beta und Büro Berlin, um eine historische Dimension anzuführen. Ein derartiges Unterscheidungsvermögen scheint übertrieben zu sein als Anforderungsprofil für einen zeitgenössischen Kunstkritiker oder Kunstkritikerin.
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© Thomas Wulffen, 1999 |
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