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Walter Vitt
Grußwort des Präsidenten der deutschen AICA
(Druckversion)
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Liebe Thea Herold als Tagungsleiterin,
lieber Matthias Flügge als Hausherr,
liebe Gäste,
als ich Thea Herold ein Grußwort an die Teilnehmer dieses Symposiums zusagte, habe ich zugleich versprochen, keine Ergebnisse des Kongresses vorwegzunehmen. Gleichwohl muß es mir aber erlaubt sein, einige Aspekte künftiger Arbeit unseres Kritikerverbandes darzulegen, auch auf die Gefahr hin, daß in den Referaten und Diskussionen des heutigen Tages ähnliche Themen angeschlagen werden. Dieses Symposium ist ja nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern aus einem zwischen uns seit Jahren laufenden Diskurs heraus, und so kann auch ein AICA-Vorsitzender zur Zeit nichts anderes sagen, als es sich in unserem gegenwärtigen Mühen um erneuerte Formen kunstkritischer Arbeit spiegelt.
Wenn ich auch keine Ergebnisse vorwegnehmen will und auch nicht könnte, denn dieser Kongress ist autonom in dem, was er anpeilt und was dabei herauskommt, so möchte ich doch auf jeden Fall allen Berliner Kolleginnen und Kollegen, die das Zustandekommen dieses Symposiums zu verantworten haben, meinen ganz herzlichen Dank sagen. Ein solches ehrenamtliches Engagement im Dienste unserer gemeinsamen Sache und zum Wohl für unseren Berufsstand ist ja nicht zu erzwingen, ist freiwillig, ist Geschenk an uns alle und verdient deshalb Dank - uneingeschränkt. Vielleicht gelingt es diesem Kongress ja auch, in den Medien beachtet zu werden, nicht nur in Berlin; wir haben ja journalistische Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet. Ich spreche dieses Thema so ausdrücklich an, weil ich seit Jahrzehnten die mir merkwürdig erscheinende Beobachtung mache, welche Scheu Journalisten jeder Art, also auch Kunst- und Kulturkritiker, haben, ihre eigenen Berufsprobleme in ihren eigenen Medien darzustellen. Während gleichzeitig allerorten seit dem magischen Jahre 1968 die Berichterstattung über Minderheiten - ausländische wie inländische - zum Grundgerüst eines richtig verstandenen Pluralismus gehört, zögern dieselben Medienvertreter, dieses Minderheitenrecht auch für ihre eigenen Probleme in Anspruch zu nehmen und verweisen darauf, daß das, was Journalisten, Kritiker, Radio- und Fernsehleute beruflich betreffe, die Allgemeinheit nicht interessiere.
Statt dessen ist ein bestimmter Bereich des Journalismus, nämlich derjenige halbprominenter und prominenter Fernsehleute, in den Vordergrund des Medieninteresses gerückt, und dies aber nicht etwa nur mit beruflichen Dingen, sondern auch und vor allem mit deren privatesten Wehs und Achs. Und wenn man glauben sollte, das gelte nur für die Themen der »Bunten Seiten« oder des »Vermischten« - weit gefehlt: mitten in den seriös vermuteten Medienseiten unserer großen Blätter kann man dann durchaus lesen, daß Medienstar B.(rigitte) Sch.(rowange) seit Anfang 1999 nach Jahren des Single-Lebens mit ihrem elf Jahre jüngeren Moderationskollegen M. (arkus) L. (anz) liiert ist, daß die beiden kürzlich ihren ersten gemeinsamen Urlaub in Grönland verbracht haben, um dann die Frage anzuschließen, ob denn wohl irgendwann die Hochzeit ins Haus stehe. Dies habe ich nicht erfunden, sondern aus dem Berliner Tagesspiegel vom 31.8.1999 zitiert, Rubrik nicht etwa »Aus aller Welt«, sondern »Medien«.
Ich will nicht abschweifen, ich war dabei, die Berliner Initiative zu diesem uns wichtigen Syposium besonders herauszustreichen; und wenn ich das tue, muß ich vor allem die Arbeit von Thea Herold hervorheben. Ich weiß aus vielen Telefonaten mit ihr, welche Klippen und Hindernisse es zu umschiffen galt, welche Probleme im Detail teufelten, wie schwer es heutzutage ist, Sponsoren von einer guten Sache zu überzeugen, wenn diese nicht unbedingt - wie sagt man heute? - Event-Charakter hat. Und ich will hinzufügen, daß es ja seit langem in der deutschen AICA und noch vor Beginn der Berliner Aktivitäten Bemühungen um ein fachbezogenes Symposium gab: erst haben wir es zusammen mit den österreichischen und schweizerischen Kollegen in Basel anvisiert, dann haben wir nach Kassel geschielt, was ja auch kein schlechter Platz wäre, um über unseren Beruf zu sprechen. Auch eine gemeinsame Initiative mit dem in Berlin ansässigen Verband der deutschen Kritiker, einen Kritiker-Kongreß in Bonn zu veranstalten, ist über die ersten gedanklichen Anfänge bisher kaum hinausgelangt, während die Berliner AICA-Gruppe spät gestartet, aber früh angekommen ist und mit uns anderen sozusagen »Hase und Igel« gespielt hat: Sie sind schon da. - Nun aber genug der Vorschußlorbeeren für das Berliner Team - nein, eins noch: mit der Initiative zu diesem Symposium verknüpfte sich plötzlich auch die Frage der Darstellung der Arbeit unseres Verbandes im Internet. Wir hatten ja auf unserer Kölner Mitgliederversammlung im vergangenen Herbst dieses Thema aufs Tapet gebracht und wollen es in diesem Herbst in Köln zuende diskutieren. Aber auch hier haben die Berliner wieder selbstbewußt »Hase und Igel« mit uns gespielt. Der Kollege Gerhard Haupt, überaus erfahren mit diesem Medium, hat es übernommen, die Ergebnisse dieses Symposiums im Internet darzustellen, wo sie unter »www.aica.de« demnächst nachzulesen und auszudrucken sein werden. Ich denke, der Kollege wird heute dazu noch einiges sagen. Dank im Namen des AICA-Präsidiums auch an Sie, lieber Kollege Haupt.
Dank auch von mir aus an die Sponsoren dieses kleinen Kongresses, die Akademie der Künste, die Kunststiftung Poll Berlin und an den Münchner Sponsor Dr. Christoph von Braun.
Wenn wir heute über den Zustand der gegenwärtigen Kunstkritik diskutieren wollen, so ist uns allen bewußt, daß dies erst ein erster Einstieg ist und - wenn ich ein Bild gebrauchen darf - ein erster Einstieg in eine recht zerklüftete Landschaft - und daß wir das ganze Panorama von Berg und Tal, von Licht und Schatten, von Höhlen und Hochebenen erst nach und nach werden erobern und übersehen können. Niemand von uns allen hier wird heute Abend sämtliche Probleme beiseite geräumt sehen und wirklich wissen, was ist und wie es weitergehen kann.
Aber das AICA-Präsidium erhofft sich aus der Auswertung der Vorträge und Diskussionen weitere Klarheit über die künftige inhaltliche Arbeit. Wir sprechen ja seit Jahren über die Frage, wie Kunstkritiker besser ausgebildet auf die kunstinteressierte Menschheit losgelassen werden können. Ihnen ist bekannt, daß wir darüber einen im Augenblick noch recht einseitigen Dialog mit den Kunsthochschulen und Wissenschaftsministerien begonnen haben. Und dort, wo der Dialog tatsächlich begonnen hat, ist vorab - hier vor allem aus Geldmangel - viel guter Wille und wenig Optimismus erkennbar. So schreibt uns der Berliner Wissenschaftssenat, daß die Berliner Hochschule der Künste hinsichtlich einer Kritikerausbildung »erste Überlegungen zur Einrichtung eines Zusatz- bzw. Ergänzungsstudiengangs« angestellt habe, allerdings könne nicht gesagt werden, ob es überhaupt und ggf. wann es zu einem Studiengang für Kunstkritiker komme. Leider ist Lothar Romain, der Präsident der Hochschule der Künste und seit Jahrzehnten AICA-Mitglied, erkrankt, so daß ein Gespräch mit ihm heute nicht stattfinden kann. Ich nutze die Gelegenheit, ihm von hier aus Genesungswünsche zu übermitteln. Aber wir wollen und müssen dieses Gespräch führen, auch mit anderen Hochschulen. Sicherlich muß und soll der Zugang zu unserem Beruf unverändert auch nach autodidaktischer Ausbildung möglich sein. Viele von uns haben sich ja ihren Beruf als Kunstkritiker selber beigebracht und sind gut damit gefahren. Aber parallel dazu müssen wir dahin kommen, daß die Kunstkritik auch eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung anbietet, ich sage: anbietet. Eine solche Ausbildung soll am Ende nicht obligatorisch Voraussetzung für diesen Beruf sein, sondern einen Zugang unter anderen sicherstellen. Die Kunst der mehrfachen Moderne am Ende dieses Jahrhunderts ist derart vielschichtig, daß die Aneignung des Berufes durch »Learning by Doing« immer schwieriger wird, zumal in einer Medienwelt, die mehr und mehr ihre Funktionen im Servicebereich entwickelt. Sie werden ja alle ebenso wie ich beobachtet haben, daß die Medien immer mehr Raum zur Verfügung stellen, um Leser, Hörer und Zuschauer rein prospektmäßig zu Kunstereignissen hinzuführen, ihnen sozusagen reisbürogerecht Reisewege zur Kunst zu eröffnen - meistens an Hand der Public Relation Papiere der Kunstveranstalter. Diesen Service will gewiß niemand mehr missen, der sich auf den Besuch bestimmter Kunstereignisse rechtzeitig vorbereiten will. Aber er sollte nicht dazu führen, den eigentlichen Auftrag der Medien zu vernachlässigen, der unverändert lautet, aus der Anschauung, nicht an Hand von PR-Material, zu berichten und dabei auch kritischer Begleiter der dargebotenen Kunstereignisse zu sein. Es gilt auch immer noch, nicht nur auf die Großereignisse zu schauen, nicht nur die Dinge, die selbst genügend Gewicht haben, zu verdoppeln und zu verdreifachen, sondern auch in die Nischen zu schauen und dem Verborgenen zur Öffnung, zum Sich-Zeigen-Können zu verhelfen.
Klaus Honnef hat in seinem Essay »Wege der Kunstkritik« in ganz und gar polemischer Art eine Kunstkritik für überflüssig erklärt, die sich als Mitläufer eines Kommunikationsmodells erweist, die ausschließlich mit der Aufgabe betraut ist, sich bedingungslos mit den Vorgaben der avancierten Gegenwartskunst zu identifizieren. Dies ist trotz aller Polemik ein Beitrag zu unserer heutigen Diskussion. In den zehner und zwanziger Jahren, aber auch in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg hat sich die progressive Kunstkritik immer auch als Teil künstlerischer Innovation verstanden: sie sah in erster Linie ihre Aufgabe darin, die moderne und zeitgenössische Kunst durchsetzen zu helfen, gab Verständnishilfen, stellte Zusammenhänge zwischen Kunst und Wirklichkeit her. Wenn Goethe dem Künstler zugerufen hat »Rede nicht, bilde«, so hatte der Kunstkritiker der ersten und zweiten Moderne diesen Part des »Redens« für den Künstler übernommen, freiwillig sozusagen, als Teil der geliebten Avantgarde. Aber am Ende dieses Jahrhunderts der verschiedensten Modernen möchte ich die These aufstellen, daß die Gegenwartskunst den Flankenschutz der progressiven Kunstkritik nicht mehr nötig hat, er lähmt sie vielmehr, er hindert sie geradezu in der Erfindung des Außergewöhnlichen. Die neue Kunst muß wieder mehr im rauhen Wind stehen als im wärmenden Bett des Konkubinats mit der progressiven Kunstkritik. Die Kritikerin oder der Kritiker, dem ich diese Rolle eines kritischen Kritikers und nicht eines Mitläufers neuer Kunst zutraue, muß aber wissen, was geschehen ist in diesem Jahrhundert. Deshalb brauchen wir alle Anstrengungen zur Weiterbildung der aktiven Kritikergenationen und zur Ausbildung des Nachwuchses. Für Learning by Doing bleibt dann immer noch das Meiste im Berufsalltag. Wir müssen doch auch sehen, daß die Museumsleute, die uns gegenwärtige Kunst anbieten, trotz ihrer wissenschaftlichen Ausbildung vor denselben Problemen stehen, wenn sie sich zeitgenössischer Kunstproduktion nähern - oder soll ich sagen: wenn sie sich der zeitgenössischen Kunst ausliefern? Fast nichts davon haben sie in Ihrem Studium geboten bekommen. - Sie sehen, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, über wie viele Dinge wir zu sprechen haben werden, heute in Berlin, morgen vielleicht in Kassel und übermorgen in Bonn oder anderswo. Ich wünsche dem Symposium einen guten Verlauf und eine eine reiche Ernte.
© Walter Vitt, 1999
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Website der deutschen Sektion des Internationaler Kunstkritikerverbands (AICA) - http://www.aica.de