Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD
  Berliner Symposium 1999
  Nicola Kuhn
Deutsche und angelsächsische
Kunstkritik im Vergleich
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    Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die britische Kritik einerseits wesentlich eindeutiger im Urteil ist, sich andererseits um eine stärkere Verständlichkeit bemüht. Es gibt nicht die gesellschaftliche Erwartung, daß die Kunst für gut befunden wird. Der Kritiker kann sich wesentlich freier seine Meinung bilden. Für ihn hat sie nicht per se die Aura des Guten, Wahren, Schönen. Sie muß sich innerhalb eines gesamtgesellschaftlichen Kontextes bewähren, weshalb die sprachliche Darstellung wesentlich klarer ist. Hier kann sich niemand hinter nebulösen Beschreibungen verstecken; den Lesern wird mit Witz und Anschaulichkeit vermittelt, um was es geht. Gleichzeitig fühlen sich viele Kritiker aber auch als Beschützer der permanent gefährdeten Kulturinstitutionen, die ganz anders als in der Bundesrepublik nur minimal vom Staat unterstützt werden. Hier ist also ein ganz anderes Bewußtsein dafür vorhanden, die Arbeit in den Kulturinstitutionen, die Ergebnisse künstlerischer Produktion verständlich zu machen.

Sicherlich kommen hier auch die wesentlich besser ausgebildeten rhetorischen Fähigkeiten unserer Kollegen in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten zur Geltung. Hier wird die freie Rede von den ersten Schulklassen an geübt; seit über hundert Jahren gibt es an den Universitäten in den USA Kurse in »Creative Writing«. Die Fähigkeit zu schreiben, fällt dort nicht genialisch vom Himmel, sondern ist etwas zu Erlernendes. Eine andere Rolle spielt das Selbstverständnis vieler britischer Kunstkritiker, die sich in erster Linie als Journalisten sehen und nicht so sehr in einer akademischen Tradition fühlen.

Diese Einstellung bedingt sich auch wiederum aus dem Umfeld, in dem sich die Kunstkritik präsentiert. Immer weniger gibt es die klar abgegrenzten Feuilletons. Häufig durchmischt es sich mit Gesellschaftlichem. Die meisten Storys hängen sich am Porträt einer Person auf, eine durchaus problematische Tendenz, die auch in deutschen Feuilletons zunehmend zu beobachten ist. Von einer distanzierten Berichterstattung, zumindest Bewertung kann da kaum noch die Rede sein. Gleichzeitig ist der Platz extrem beschränkt, so daß kein Wort vergeudet werden darf, wie mir ein Kollege etwas dramatisch sagte. Konzises, treffsicheres Schreiben gehört auch deshalb zu Charakteristika britischer Kunstkritik.

Daß etwa die amerikanischen Kollegen sehr viel schärfer in ihren Einschätzungen sind, mag auch mit ihrem größeren Selbstbewußtsein zusammenhängen. Mit ihren Beiträgen können sie tatsächlich Künstlerkarrieren befördern oder bremsen; entsprechende Artikel entscheiden über Verkauf oder Nichtverkauf seines Werks. Hier geht es tatsächlich noch um etwas, wenn ein Künstler auf dem wöchentlichen Listing der New York Times erscheint, eine Einzelbesprechung erhält oder sogar Gegenstand des Einleitungsartikels ist. Natürlich hat es auch bei uns seine Wirkung, wenn ein Künstler in der Zeitung besprochen wird; das schlägt sich vor allem im Publikumsbesuch der jeweiligen Ausstellung nieder, wie mir immer wieder nach Erscheinen eines Artikels bestätigt wird, nicht so sehr jedoch in DM bzw. Dollar. Vielleicht spricht man auch bei uns ganz einfach nicht so offen darüber. Auch in den britischen Medien gibt es diese knappe Form, die durchaus ihre Tücken hat. Wie wir es in Deutschland bei der Filmkritik schon länger kennen, gibt es dort auch für die anderen Bereiche sogenannte »Ratings«, die Vergabe etwa von Sternchen von eins bis fünf, ein benutzerfreundliches, wenn auch fragwürdiges Unternehmen, denn der Kritiker gerät hier zunehmend in die Rolle des »consumer guide« ähnlich den Restaurantführern.

Ein anderes Charakteristikum angesächsischer Kritik bzw. Berichterstattung insgesamt scheint mir die Rechtschaffenheit eines Beitrags zu sein. Bevor in einer britischen und amerikanischen Zeitung etwas erscheint, werden genauestens die Fakten geprüft und vage Formulierungen auf ihre Stichhaltigkeit abgeklopft. Hier erlauben wir uns häufig feuilletonistische Vagheiten, an denen weder die Leser noch etwa die Institutionen, über die berichtet wird, Anstoß nehmen, da sie es in gewisser Hinsicht nicht anders kennen. In den USA wie England ist der erste Leser eines Textes der Sub-Editor, der in den seltensten Fällen vom Fach kommt und zu Recht äußerste Präzision verlangt. Ich meine, daß unsere Kunstkritik sich selber das Wasser abgräbt, wenn sie im Ungefähren bleibt, mag es auch noch so schön die Stimmung des jeweils beschriebenen Werks treffen.

All diese wunderbaren, von mir benannten Eigenschaften angelsächsischer Kunstkritik Urteilsraft, Klarheit, Witz, Verständlichkeit, Rechtschaffenheit mögen den Anschein erwecken, als ob sie in der englischen und amerikanischen Tagespresse auch jeweils das beste aller denkbaren Umfelder hätte. Ich möchte noch einmal betonen: Das ist mitnichten der Fall. Weit mehr als in den bundesdeutschen Feuilletons muß sie sich ihren Patz erobern; häufig genug geht dort die Argumentation, ob ein Artikel kommt und in welcher Größe, über die entsprechende Bebilderung, die sich im Blatt gut macht (was jeweils auch negativ zu Buche schlagen kann, wenn es sich um es sich um abstrakte Bilder, zumal monochrome handelt). Eine Erfahrung, die aber auch in deutschen Kulturredaktionen täglich gemacht werden kann. Film, Theater, vor allem Entertainment nimmt einen wesentlich größeren Raum ein, und so hat auch die Kunst den Kriterien der Unterhaltsamkeit zu dienen.

In der Summe fällt der Vergleich zwischen deutscher und angelsäschsischer Kunstkritik also ausgesprochen ambivalent aus. Die Bedingungen in Großbritannien etwa erscheinen mir ungleich schwerer, doch in ihrem Ergebnis ansprechender und in mancherlei Hinsicht betreffend »Die Sprache der Kritik«, so ja auch das eigentliche Thema vorbildlich, zumindest anregend. Jedenfalls habe ich es während meiner Zeit vor Ort erlebt.

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©   Nicola Kuhn, 1999