Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD
  Berliner Symposium 1999
  Gerhard Haupt
Kritik im Netz - Internet als Medium und
Werkzeug der Kunstkritik
  (2)

    In jedem Falle interessant ist das Potenzial dieses neuen Massenmediums für die Kunstvermittlung. Im Frühjahr wurden deutsche Internet-Nutzer im Rahmen einer großen Umfrage nach ihren Interessen gefragt. Immerhin 24,9 Prozent nannten Kunst und Kultur. Das sind nur eineinhalb Prozent weniger, als auf Auto/Motorsport entfielen. Kunst/Kultur lag in der Beliebtheitsskala noch vor Tiere/Natur/Garten, Fitness/Gesundheit und Mode. Theoretisch würde das bedeuten, über das Internet wären schon heute zweieinhalb Millionen potenzielle deutschsprachige Kunstinteressenten zu erreichen. Wie gesagt, theoretisch...

Eine unüberschaubare Menge an Kunstangeboten bemüht sich um die Aufmerksamkeit dieses Publikums. Wer in Web.de, dem umfangreichsten deutschen Internet-Katalog, nach »Kunst« sucht, erhält Verweise auf fast 896.000 Seiten, auf denen dieser Begriff - freilich in jedweden Zusammenhängen und Wortverbindungen - auftaucht. Die internationale Suchmaschine Alta Vista hat sogar über 1.169.540 entsprechende Seiten erfasst. Wie solche Suchresultate zustande kommen und was davon zu halten ist, werde ich an anderer Stelle noch kurz erläutern. Dass sie wenig aussagefähig sind, liegt auf der Hand. Selbstverständlich enthält nicht jede Seite, auf der es um Kunst geht, auch das Wort »Kunst«. Im Grunde wollte ich hier jedoch nur auf die schiere Masse entsprechender Angebote hinweisen.

Wenn sich jeder, der nur über die entsprechenden technischen Kenntnisse und ein wenig Geld für den Webspace verfügt, im Netz präsentieren kann, dann liegt es auf der Hand, dass die Qualität der Inhalte auch im Kunstbereich höchst unterschiedlich ist. Man muss ja nicht unbedingt erst von einer Redaktion oder Galerie akzeptiert werden, um via Internet an die Öffentlichkeit gelangen zu können. Lange gab es gerade hinsichtlich des scheinbar so demokratischen Charakters des Internet große Erwartungen. Sie stellten sich längst als Illusionen heraus, denn was nützt eine Seite im Web, wenn sie nicht wahrgenommen wird. Bei inzwischen 800 Millionen verfügbaren Seiten sind die Chancen gering, dass jemand zufällig auf eine bestimmte Seite stößt und sich dann auch noch für das dort gerade angebotene Gebiet interessiert. Das selektive Verhalten der Nutzer ist wesentlich durch die außerhalb des Netzes erhaltenen Erfahrungen, Kenntnisse und Empfehlungen geprägt. Wer sich als Internetanbieter von Inhalten in der neuen Aufmerksamkeitsökonomie des Medienzeitalters behaupten will, kommt kaum umhin, das Zusammenwirken der verschiedenen Medien zu berücksichtigen.

Von daher ist es kaum verwunderlich, dass die Online-Ausgaben der auflagenstärksten Wochenmagazine und Zeitungen zu den meistbesuchten Orten im Netz gehören. Während der Kulturteil des Spiegel und die Entertainment-Sektion von Focus ein täglich aktualisiertes, nur für das Internet erstelltes Angebot haben, sind bei den Tageszeitungen meist nur ein paar Texte aus dem Feuilleton der Printausgaben zu finden.

Zu den Kunstzeitschriften mit eigener Netzpräsentation gehört die neue bildende kunst. Sozusagen zum »Anfüttern« veröffentlicht sie im Internet einige Artikel aus jeder Nummer, begleitet von Informationen aus dem Nachrichtenteil bzw. Ausstellungskalender. Das Hamburger Art Magazin bringt kaum vollständige Texte, sondern vor allem Kurznachrichten und Bilder zu den Themen der jeweiligen Ausgabe. Allein schon die unübersehbaren Sektionen Shop und Abo sowie der große Werbebanner für Buchbestellungen über Bertelsmann Online lassen die kommerziellen Intentionen dieser Webpräsentation erkennen. Das Kunstforum International hat zwar schon eine Internetadresse, aber zurzeit taucht dort lediglich der Titel auf.

Auch einige der zahlreichen Kunstwebsites enthalten neben den Serviceleistungen und kommerziellen Kunstofferten Texte und Ausstellungsrezensionen professioneller Kritiker. Als ein Beispiel möchte ich an dieser Stelle nur das von Peter Funken und Anna Jakupovic herausgegebene art-on.de nennen. Nachgerade ein Pionier der Kunstkritik im Internet ist Christoph Blase, der schon seit 1995 seine Blitz Review veröffentlicht. Da er hier anwesend ist, will ich mir jetzt weitere Ausführungen sparen, er kann seine Intentionen und Erfahrungen im Anschluss selbst viel besser darlegen. Mich würde besonders seine Meinung zu der Frage interessieren, welche Möglichkeiten er sieht, unabhängige Kunstkritik via Internet zu finanzieren.

Seitenanfang weiter ...
  Druckversion
kompletter Text
HTML - 18 kb
Word6/Win9x - 25 kb
   

©   Gerhard Haupt, 1999 - haupt@uinic.de