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Gerhard Haupt
Kritik im Netz - Internet als Medium und Werkzeug der Kunstkritik
(Druckversion)
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
anlässlich der Internationalen Funkausstellung in Berlin las man gerade in den letzten Tagen wieder viel Euphorisches über die Ausbreitung der neuen Medien. In Deutschland soll es jetzt schon an die 10 Millionen Online-Nutzer geben. Das klingt zunächst einmal gewaltig, bedeutet aber auch, das immerhin 90 Prozent der Bevölkerung keinen Internetanschluss haben. Ich nehme mal an, ein nicht unbeträchtlicher Teil der hier Versammelten gehört dazu. Andererseits sitzen hier auch einige Spezialisten. So stehe ich also vor der kaum lösbaren Aufgabe, weder an den einen vorbeizureden noch die anderen zu langweilen. Ich bitte daher um Nachsicht, wenn ich längst Bekanntes wiederholen sollte oder aber trotz aller Vorsicht Begriffe auftauchen, die möglicherweise nur denjenigen etwas sagen, die mit der Funktionsweise des Internet vertraut sind.
Im Grunde ist es wenig verwunderlich, wenn die Verheißungen des Informationszeitalters für viele überhaupt nicht verlockend klingen. Die Utopien der Anfangsjahre des Internet sind längst durch unverholene Marketingstrategien verdrängt worden. Statt der Interaktion gleichberechtigter Partner scheint es bei der angestrebten Totalvernetzung nur noch um die maximale Erreichbarkeit potenzieller Konsumenten zu gehen. Selbst wenn man sich dem verweigern kann, bleibt immer noch die Frage, ob man sich der ständig anwachsenden Informationsflut tatsächlich aussetzen sollte. Denn mittlerweile ist schon von »Infosmog« die Rede, also von einer nicht mehr zu bewältigenden Fülle an Informationen, die in ein Weniger an Qualität umschlägt.
Allein schon der Weg ins Netz der Netze ist ein Graus. Man muss nicht unbedingt technophobisch sein, um die Angebote der Computer- und Softwareproduzenten als Zumutung zu empfinden. Wenn es endlich geschafft ist, die Hardware einzurichten, dann drohen immer noch die berüchtigten Systemabstürze, Einwahlprobleme, immer wieder neue, schwer erlernbare Programme, von böswilligen Zeitgenossen durch das Netz geschickte Viren und vieles Unerfreuliche mehr.
Sie werden sich jetzt möglicherweise fragen, warum ich Ihnen all das erzähle, wenn der Titel doch wohl erwarten ließ, dass Ihnen gewisse Vorzüge des Internet für die Kunstkritik nahegebracht werden sollen. Vielleicht nur, um das Missionarische, das unweigerlich in solchen Vorträgen liegt, etwas zu relativieren. Aber ein bisschen Überzeugungsarbeit muss schon sein. Deshalb kommt jetzt der positive Teil: Es sei daran erinnert, dass sich das Internet noch immer in einem relativ frühen Stadium befindet. Das World Wide Web, also der Dienst, durch den die Veröffentlichung und der Abruf von Texten, Bildern, Sound etc. möglich wurde, ist keine 10 Jahre alt. Die massenhafte Ausbreitung des Mediums begann im Grunde erst vor etwa fünf Jahren. Gelegentlich wurde die aktuelle Entwicklung des Internet mit der Frühzeit der Elektrizität verglichen. Als die elektrische Glühlampe das Gaslicht ersetzte, war das eine Sensation. Später machte sich kaum noch jemand Gedanken darüber, woher der Strom kommt, er war eben da. In ähnlicher Weise wird auch das Internet in nicht allzu weiter Ferne in den Alltag integriert sein und nicht mehr als etwas Besonders wahrgenommen werden. In diese Richtung weisen die Prognosen. Bis Ende 2001 soll es in Deutschland an die 17 Millionen Nutzer geben, ein Jahr später sollen es schon über 27 Millionen sein. Derzeit wird die Zahl der Nutzer in aller Welt auf etwa 180 Millionen geschätzt, 2005 soll die Milliarde erreicht sein.
Eine solche Entwicklung ist natürlich nur möglich, wenn die eingangs erwähnten Ärgernisse abgestellt werden. Die Industrie weiß das und ist längst dabei, nutzerfreundlichere und billigere Computer und Netzzugänge sowie schnellere Leitungen zu entwickeln. Wie Sie vielleicht gelesen oder gehört haben, war die Verbindung von Fernsehen und Internet das beherrschende Thema der diesjährigen Funkausstellung.
Was hat das alles mit der Arbeit des Kunstkritikers zu tun? Durchaus sehr viel. Mit dem Internet ist nicht nur ein neues Kommunikationsinstrument, ein virtuelles Nachschlagewerk oder ein gigantischer Marktplatz entstanden. Schon seit seinen frühen Tagen wird es auch als ein experimenteller Raum für Kunst genutzt. Die »Netzkunst« bzw. »net.art« hat u.a. durch Veranstaltungen wie die ars electronica oder die letzte documenta oder durch die Arbeit von Institutionen, wie dem ZKM oder der Kölner Kunsthochschule für Medien, mittlerweile größere Aufmerksamkeit gefunden. Doch nach wie vor ist sie ein Spezialgebiet von Insidern. Tatsächlich ist das ein spezieller Komplex, auf den ich hier nicht näher eingehen kann. Wenn Sie sich dazu einen Überblick verschaffen möchten, empfehle ich Ihnen besonders die im Netz veröffentlichten Texte in Telepolis [http://www.heise.de/tp/] (darunter »Immaterialien - Aus der Vor- und Frühgeschichte der Netzkunst«, von Tilman Baumgärtel, 26.06.97 - http://www.heise.de/tp/deutsch/special/ku/6151/1.html) und natürlich das Jahrbuch 1998/1999 [http://www.moderne-kunst.org/publikationen/jahrbuch.html] des Instituts für moderne Kunst Nürnberg [http://www.moderne-kunst.org/] zur netz.kunst, konzipiert von Verena Kuni.
Es muss ja nicht unbedingt jeder Kunstkritiker zum Experten für Netzkunst werden. Doch die nähere Beschäftigung mit dem Internet ist schon deshalb sinnvoll, weil sich darin neue Formen, Formate und Strategien entwickelt haben, die zunehmend auch in andere Medien und in die künstlerische Praxis im »offline-Bereich« Einzug halten.
In jedem Falle interessant ist das Potenzial dieses neuen Massenmediums für die Kunstvermittlung. Im Frühjahr wurden deutsche Internet-Nutzer im Rahmen einer großen Umfrage nach ihren Interessen gefragt. Immerhin 24,9 Prozent nannten Kunst und Kultur. Das sind nur eineinhalb Prozent weniger, als auf Auto/Motorsport entfielen. Kunst/Kultur lag in der Beliebtheitsskala noch vor Tiere/Natur/Garten, Fitness/Gesundheit und Mode. Theoretisch würde das bedeuten, über das Internet wären schon heute zweieinhalb Millionen potenzielle deutschsprachige Kunstinteressenten zu erreichen. Wie gesagt, theoretisch...
Eine unüberschaubare Menge an Kunstangeboten bemüht sich um die Aufmerksamkeit dieses Publikums. Wer in Web.de [http://web.de], dem umfangreichsten deutschen Internet-Katalog, nach »Kunst« sucht, erhält Verweise auf fast 896.000 Seiten, auf denen dieser Begriff - freilich in jedweden Zusammenhängen und Wortverbindungen - auftaucht. Die internationale Suchmaschine Alta Vista [http://www.altavista.com/] hat sogar über 1.169.540 entsprechende Seiten erfasst. Wie solche Suchresultate zustande kommen und was davon zu halten ist, werde ich an anderer Stelle noch kurz erläutern. Dass sie wenig aussagefähig sind, liegt auf der Hand. Selbstverständlich enthält nicht jede Seite, auf der es um Kunst geht, auch das Wort »Kunst«. Im Grunde wollte ich hier jedoch nur auf die schiere Masse entsprechender Angebote hinweisen.
Wenn sich jeder, der nur über die entsprechenden technischen Kenntnisse und ein wenig Geld für den Webspace verfügt, im Netz präsentieren kann, dann liegt es auf der Hand, dass die Qualität der Inhalte auch im Kunstbereich höchst unterschiedlich ist. Man muss ja nicht unbedingt erst von einer Redaktion oder Galerie akzeptiert werden, um via Internet an die Öffentlichkeit gelangen zu können. Lange gab es gerade hinsichtlich des scheinbar so demokratischen Charakters des Internet große Erwartungen. Sie stellten sich längst als Illusionen heraus, denn was nützt eine Seite im Web, wenn sie nicht wahrgenommen wird. Bei inzwischen 800 Millionen verfügbaren Seiten sind die Chancen gering, dass jemand zufällig auf eine bestimmte Seite stößt und sich dann auch noch für das dort gerade angebotene Gebiet interessiert. Das selektive Verhalten der Nutzer ist wesentlich durch die außerhalb des Netzes erhaltenen Erfahrungen, Kenntnisse und Empfehlungen geprägt. Wer sich als Internetanbieter von Inhalten in der neuen Aufmerksamkeitsökonomie des Medienzeitalters behaupten will, kommt kaum umhin, das Zusammenwirken der verschiedenen Medien zu berücksichtigen.
Von daher ist es kaum verwunderlich, dass die Online-Ausgaben der auflagenstärksten Wochenmagazine und Zeitungen zu den meistbesuchten Orten im Netz gehören. Während der Kulturteil des Spiegel [http://www.spiegel.de/kultur/] und die Entertainment-Sektion von Focus [http://www.focus.de] ein täglich aktualisiertes, nur für das Internet erstelltes Angebot haben, sind bei den Tageszeitungen meist nur ein paar Texte aus dem Feuilleton der Printausgaben zu finden.
Zu den Kunstzeitschriften mit eigener Netzpräsentation gehört die neue bildende kunst [http://www.gbhap-us.com/de/nbk/]. Sozusagen zum »Anfüttern« veröffentlicht sie im Internet einige Artikel aus jeder Nummer, begleitet von Informationen aus dem Nachrichtenteil bzw. Ausstellungskalender. Das Hamburger Art Magazin [http://www.art-magazin.de/] bringt kaum vollständige Texte, sondern vor allem Kurznachrichten und Bilder zu den Themen der jeweiligen Ausgabe. Allein schon die unübersehbaren Sektionen Shop und Abo sowie der große Werbebanner für Buchbestellungen über Bertelsmann Online lassen die kommerziellen Intentionen dieser Webpräsentation erkennen. Das Kunstforum International [http://www.kunstforum.de/] hat zwar schon eine Internetadresse, aber zurzeit taucht dort lediglich der Titel auf.
Auch einige der zahlreichen Kunstwebsites enthalten neben den Serviceleistungen und kommerziellen Kunstofferten Texte und Ausstellungsrezensionen professioneller Kritiker. Als ein Beispiel möchte ich an dieser Stelle nur das von Peter Funken und Anna Jakupovic herausgegebene art-on.de [http://www.art-on.de/] nennen. Nachgerade ein Pionier der Kunstkritik im Internet ist Christoph Blase, der schon seit 1995 seine Blitz Review [http://blitzreview.thing.at/] veröffentlicht. Da er hier anwesend ist, will ich mir jetzt weitere Ausführungen sparen, er kann seine Intentionen und Erfahrungen im Anschluss selbst viel besser darlegen. Mich würde besonders seine Meinung zu der Frage interessieren, welche Möglichkeiten er sieht, unabhängige Kunstkritik via Internet zu finanzieren.
Ein paar Worte zum Internet als Werkzeug für Kunstkritiker:
Da sei zunächst die Recherche erwähnt. Selbst wenn das Netz keineswegs eine stabile virtuelle Bibliothek ist, wächst das verfügbare Konvolut an Informationen und Texten doch ständig. Da sind die Archive der Zeitschriften und Zeitungen, die Ausstellungspräsentationen und zunehmend besseren Dokumentationen der ständigen Sammlungen von Museen, die Tagungsberichte und Theoriedebatten, die persönlichen Websites von Künstlern und nicht zuletzt die aktuellen Veranstaltungskalender. Leichter als in jeder Bibliothek kann man Kontextinformationen zu allen erdenklichen Themen erhalten. Bei meinen Recherchen im Netz bin ich fast immer fündig geworden. Wenn ich schon nicht auf umfassendere Informationen zu dem gesuchten Thema gestoßen bin, dann fand ich doch zumindest weiterführende Literaturangaben.
Die entscheidende Voraussetzung ist, dass man die Methoden der Suche im Netz und die Eigenheiten der entsprechenden Suchmaschinen kennt. Die schon zitierte Auflistung von 896.000 Resultaten zum Suchbegriff »Kunst« hilft einem natürlich überhaupt nicht weiter, zumal die Maschine nicht zwischen der eigentlich gesuchten Kunst und Wortzusammensetzungen wie »Kunstdünger«, »Kunstturnen«, »Kunsthonig« etc. unterscheidet. Eine Suchanfrage muss schon präziser formuliert werden. Und selbst dann stößt man - allerdings ohne es richtig zu merken - an andere Grenzen: Einer jüngeren Untersuchung [http://www.wwwmetrics.com/] von Steve Lawrence und Lee Giles zufolge, haben die 11 größten Suchmaschinen zusammen mal gerade 42 Prozent der weltweit verfügbaren Internet-Seiten erfasst (was aber immer noch etwa 340 Millionen Seiten sind). Die Autoren kamen in der Studie zu dem Schluss, dass die Zukunft eher den kleineren, redaktionell bewerteten Webkatalogen zu bestimmten Fachgebieten gehört.
Das freut mich ganz besonders, denn zusammen mit Pat Binder habe ich einen solchen erstellt. Unser Projekt Universes in Universe [http://universes-in-universe.de] ist ein Informations- und Kommunikationssystem für die Kunst Afrikas, der Amerikas und Asiens/Pazifik. Seit Februar 1997 ist es im Netz und seitdem auf über 2.000 HTML-Dateien (»Seiten«) angewachsen, die monatlich etwa 100.000 mal besucht werden. Dazu gehören die kurz kommentierte, systematische Verzeichnisse im Internet verfügbarer Seiten zur Kunst zahlreicher Länder. Wie vor einiger Zeit in der »Art« zu lesen war, konnten wir damit selbst Alfred Nemeczek die Kunst Afrikas, Asiens und Lateinamerikas »pfeilgeschwind« erschließen. Soweit ein klein wenig Selbstpromotion.
Als ein weiterer nützlicher Aspekt des Internet darf die Erleichterung der Kommunikation nicht unerwähnt bleiben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Emails schneller beantwortet werden als normale Briefe und der Kontakt direkter und flüssiger funktioniert. Und die Kosten sind weitaus geringer als bei normaler Post, Fax oder Telefon. Aber die Vorzüge von Email sollten hinreichend bekannt sein, deshalb will ich es bei diesem kurzen Hinweis belassen.
Zum Abschluss möchte ich kurz auf eine konkrete Anwendungsmöglichkeit eingehen. Bei der Vorbereitung dieses Symposiums kam uns in den Sinn, hier nicht nur über Internet zu reden, sondern dieses auch gleich für die Veröffentlichung der Tagungsmaterialien und den weiteren Diskussionsprozess zu nutzen. Natürlich sollen all jene, die nicht »online« sind und keineswegs die Absicht haben, sich einen Internetzugang zuzulegen, nicht ausgeschlossen werden. So ist auch an einen »traditionellen« Weg für den Bezug der Materialien gedacht.
Da die deutsche AICA noch nicht im Netz ist, liegt es nahe, bei dieser Gelegenheit die Grundstruktur einer Website für die gesamte Sektion zu entwickeln, in die unser Symposium eingebettet ist. Vielleicht wissen Sie, wie rar kurze Internetadressen geworden sind. Deshalb war es ein glücklicher Umstand, dass wir »www.aica.de« anmelden konnten. Mit diesem notwendigerweise schnellen Entschluss sollte der grundsätzlichen Diskussion des Themas auf der Mitgliederversammlung im November, die Walter Vitt in seinem letzten Rundbrief angekündigt hat, keinesfalls vorgegriffen werden. Es liegt zwar schon ein Konzept für die Präsentation unseres Symposiums vor, aber welche Inhalte die deutsche AICA ins Netz bringen will, bleibt nach wie vor der Entscheidung der Mitglieder vorbehalten.
Wenn sich die deutsche AICA entschließen sollte, eine eigene Website zu betreiben, dann sollte überlegt werden, wie das Medium in den Dienst der satzungsgemäßen Ziele gestellt werden kann. Im Grunde dürfte es dann nicht nur um die verbandsinterne Kommunikation und die Selbstdarstellung nach außen gehen, sondern es müsste ein effizientes Instrument für die professionellen Belange der Kunstkritik in Deutschland angestrebt werden.
© Gerhard Haupt, 1999 - haupt@uinic.de
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Website der deutschen Sektion des Internationaler Kunstkritikerverbands (AICA) - http://www.aica.de