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| Berliner Symposium 1999 | ||||||
| Katja Blomberg Erfahrungen mit Studenten an der RWTH (3) |
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| In unserem Seminar sollte Kunstkritik geübt werden. In praxisorientierter Auseinandersetzung sollten Grundfragen wie ich sie hier skizziert habe geklärt werden: »Was ist Kunstkritik?«, »Wo findet sie satt?«, »Für wen ist sie geschrieben?« und »Wer bestimmt die Richtung?« Entsprechend waren die Seminarsitzungen strukturiert: Erster Punkt jeder Sitzung bildete eine ausführliche Presseschau. Was war wo und warum erschienen? Aus den zusammengtragenen Ausschnitten einigte man sich auf ein Hauptthema. Die publizierten Kritiken wurden gemeinsam gelesen, analysiert und diskutiert. Interessant erschien bereits an diesem Punkt, dass die Teilnehmer zwar dabei waren sich als Experten der Kunstreflektion auszubilden, bisher aber sehr unsystematisch am publizistischen Tagesgeschehen teilgenommen hatten. Nicht einmal ein Viertel hatten regelmäßig eine Tageszeitung gelesen. Von dreißig Teilnehmern hatte keiner eine innere Beziehung zu einem Blatt aufgebaut. Man »zapen« sich durch die Medien. Tendenzen, Themen, Kritikerpersönlichkeiten, Presseorgane, in denen Kunstkritik stattfindet konnten zunächst kaum benannt oder unterschieden werden. Durch die Veranstaltung motiviert, sammelten die Studenten Ausstellungsbesprechungen und stellten im Seminar die wichtigsten Themen der Woche zu Diskussion. (Benennung des neuen Dokumentachefs, spektakuläre Ausstellung mit Pipilotti Rist in Berlin oder »I love New York« in Köln). Anschaulichkeit, Sprachwitz und Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung kristallisierten sich bald als die wesentlichen Sympathiepunkte bei den Studenten heraus, die bei der Lektüre erstaunlich große Verständnisschwierigkeiten hatten. Und das lag weniger am kryptischen Stil der Kritiker, als am mangelnden Vorwissen der Studenten. Das begann mit den Namen der Künstler und endete beim Kontext von Institutionen, Orten und Zeiten. Alexander Calder oder Giorgio Morandi, Thomas Ruff oder Rosemarie Trockel, Werner Haftmann oder Werner Schmalenbach, Christine David oder Harald Szeemann, die Sammlung Nordrhein Westfalen oder das Folkwang waren kaum bekannt oder besucht worden. Nur wenige hatten bisher die documenta, die Biennale in Venedig und die großen Museen der Welt besucht. Neben dem Vorwurf an Schulen und Universitäten, die die Vermittlung moderner und zeitgenössischer Kunst vernachlässigt, muß man allerdings bedenken, daß der Erfahrungshorizont der Studenten aus Altersgründen natürlich noch relativ eingeschränkt ist. Als überraschende Tatsache halte ich jedoch fest, das die Kunstkritik an den Studenten des Faches Kunstgeschichte, das heisst an jungen Erwachsenen bis Ende 20, offenbar weitgehend vorbeigeht. Diese Leserschaft muss ständig motiviert werden, sonst erlahmt ihr Interesse. So konnte ich trotz reger Beteiligung an meinem Seminar feststellen, dass die inzwischen vom Lehrstuhl in Aachen abonnierten Zeitungen und Zeitschriften kaum mehr konsummiert werden. Wenn die Kunstkritik diese Gruppe nicht erreicht, welche andere Altergruppe unter 30 erreicht sie dann? Zielen unsere professionellen Bemühungen auf eine Leserschaft von Hausfrauen, etablierten Geschäfts- und Fachleuten, die die Universität, oder andere berufausbildende Maßnahmen längst hinter sich haben? Ist es doch der Luxus des Alters, der sich dem Feuilleton zuwendet? Im Laufe des Semesters konnte für die unterschiedlichen Plattformen der Kunstkritik von der Lokalzeitung bis zum Fachblatt, vom Fernsehbericht bis zum monatlichen Stadtmagazin durchaus ein differenziertes Lesebewußtsein geschaffen werden. Aus der regelmäßigen Auseinandersetzung erwuchs bald reges Interesse. Die Studenten waren hochmotiviert und begannen für unterschiedliche Grundtendenzen sensibel zu werden, die die Kunstkritik etwa in der Süddeutschen Zeitung von jener in der ZEIT, der Frankfurter Allgemeinen oder den Aachener Nachrichten unterscheidet. Diskussionspunkte zur Erstellung eigener Texte waren vor allem Fragen des Standpunktes: Welche Aufgabe hat der Kunstkritiker? Macht er das Denken der Künstler zugänglich? Erschöpft er sich in Beschreibungen? Soll er die Seele des Künstlers in die Welt stellen oder den Standpunkt des Betrachters einnehmen? Ist der Kritiker Sprachrohr, Lehrer oder Feind des Künstlers? Zweiter Tagungspunkt einer jeden Sitzung war der mündliche Vortag eines Teilnehmers über einen eigenen Ausstellungsbesuch in der vorhergehenden Woche. Diese mündliche Darstellung sollte den Einstieg in die eigene schriftliche Form der Kunstkritik erleichtern. Vom gesprochenen Wort ausgehend, wurden wissenschaftlich verballhornte Formulierungen vermieden. Sprache als Erzählung, als Erfahrungsbericht, als Mitteilung an die Zuhörer schien mir geeignet einen ersten, freien Einstieg in die Darstellung und Wertung zu finden. Anhand eines aktuellen Veranstaltungsüberblickes, den die Studenten für den Raum Köln, Aachen, Düsseldorf, Brüssel, Eindhofen, Maastricht, Amsterdam erhalten hatten, wurden zuvor abgesprochene Ausstellungsthemen vorgestellt. Der Teilnehmer hatte die Veranstaltung besucht, sich Presse- und Bildmaterial beschafft und eine Kurzkritik verfaßt. Ihre Renzensionen wurden im Plenum verteilt, verlesen und schonungslos diskutiert. Auch diese gegenseitige Kritik, übertrug meine ich ein Stück Realität ins Seminargeschehen. Auf Themenschau schwärmten die Studenten entweder gezielt aus, oder sie brachten von ihren üblichen Unternehmungen, die heutzutage während des Semesters bis nach New York reichen, aktuelle Besprechungen aus Galerien und Museen mit.(Wobei jene Studentin, die sich in der Vorlesungszeit am weitesten weg bewegt hatte, auch noch die besten Kritiken mitbrachte und bald regelmäßig für eine Aachener Zeitung zu berichten begann). Manche schafften es auch nur bis in eine Galerie vor Ort. Doch das machte keinen Unterschied, unser Hauptkriterium war die Praxis, wobei Themen von größerem Allgemeininteresse natürlich bevorzugt wurden. Nach dem Motto, lieber Valie Export im Aachener Kunstverein, als Wolfgang Kupcyk in der Sparkassengalerie. In der Auseinandersetzung mit den eigenen Texten, formulierten die Studenten selbst Fragen nach den Kriterien einer guten Kritik. So bildeten die schon erwähnten Punkte, über Sprache und Bild als Äquivalent und Wertung, die Probleme der Übertragung der Bildwirkung in eine gleichwertige Bildsprache immer wieder Diskussionsstoff. Nähe zum Geschehen, Insider Kenntnis. Eine Technik, die sich ohne vorgefaßte Meinung und doch mit Vorwissen dem Gegenstand nähert. Anschaulichkeit, die nicht bei der Beschreibung stehen bleibt, nicht nur Stimmungsbericht, sondern auch Analysen liefert und schließlich den Mut zur eigenen Meinung aufbringt. Vorgaben gab es für die Texte keine. Sie sollten allein nicht länger als eine DIN A 4 Seite sein und in ein paar Stunden, nicht Tagen niedergeschrieben sein. Bis zur Veröffentlichung haben es nur zwei Texte geschafft. Aber wichtiger war, die Studenten zu Lesern zu machen und sie in ein Problemfeld einzuführen. Das dabei aus terminologischer Unsicherheit auch einige sprachliche Stilblüten zustande kamen ist klar: Ich denke das ganze komplexe Problemfeld der Kunstkritik wurde besprochen oder gestreift. Dabei fanden sich naturgemäß mehr Fragen als Antworten. Kurz umrissen sei aber auch noch der zweite Teil des Seminars, zur Geschichte der Kunstkritik. Mit Referaten zu historischen »Fällen« wie dem Ramdohrstreit, der Gauguinrezeption der Jahrhundertwende und über Apollinaire. Aber auch Künstlerpersönlichkeiten im Licht der Kunstkritik, wie Lüppertz, Richter ... Und Kritikerpersönlichkeiten, Kiphoff, Beaucamp. Was sind ihre Vorlieben, ihr Stil, Darmstädter Gespräche. Was ist das Resultat des Seminars? Was faktisch dabei herausgekommen ist ließ neben anfänglichen Stilblüten, auch starke Gewächse übrig, die schließlich ihren Weg zur Publikation fanden. Eine Teilnehmerin schreibt heute regelmäßig für die Aachener Lokalpresse. Und wenn es das Ergebnis war, der Kunstkritik neue Leser zuzuführen.
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© Katja Blomberg, 1999 |
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