Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD
  Berliner Symposium 1999
  Katja Blomberg
Erfahrungen mit Studenten an der RWTH
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    »Die Kunst ist dafür da« schreibt Goethe auf seiner italienischen Reise, »daß man sie sehe, nicht davon spreche, als höchstens in ihrer Gegenwart«.

Als die Kunstkritik noch in den Anfängen steckte, benennt der Deutschen Vordenker ein Dilemma, das bis heute aktuell erscheint: Worte schmälern die komplexe physisch-geistige Erscheinung der Kunst. Nichts als die eigene Anschauung kann das Kunsterlebnis wirklich ersetzen. Nach Kant ist gerade die Anschauung Voraussetzung aller Erkenntnis. In der Tradition einer subjektiven Kunstbetrachtung, die mit Diderot und Baudelaire einsetzt, ist nach Werner Hofmann schließlich »die Neuschöpfung des Kunstwerks im Wort, die einzige Art der Aneignung, deren wir fähig sind.«

Dieser geistigen Akrobatik widmen sich einerseits Darstellungen sich selbst genügender und häufig bis zur Ermüdung mit Fremdwörtern getarnter wissenschaftlicher Betrachtungen in Fachzeitschriften: (»Sie (die Moderne Anm. Blo.) antwortet auf den Pathosverlust des Denkmals und die Krise der Denotation mit einer Pathetisierung des konnotativen und formalen Materials, mit einer Ausreizung konventionalisierter Geistesverkörperungen in Formen, die jeweils traditioneller Ikonographie wieder allegorisch, nämlich eineindeutig entzifferbar und klassifizierbar werden sollen - für den Geist der Moderne, versteht sich.« (Ulrich Reck, Kunstforum Bd. 127, 1994, S.192) Andererseits gibt es die Populärversion sprachlicher Nachschöpfung, die als allgemeine Dienstleistung stets mit dem Seitenblick auf den Rezipienten geschrieben, die innere Aufmerksamkeit von Anfang an teilt, zudem unter dem Druck begrenzter Zeit- und Platzverhältnisse zur Flüchtigkeit neigend, in der Tagesresse steht. (»Nicht alle Figuren sind bemalt und bis ins letzte Detail täuschend lebensecht dargestellt. Einige zeigen auffällige Spuren von Kettensägen und Rundeisen... Risse zeigen sich unverhohlen; manchmal laufen sie quer durch den Figurenkörper, ohne weiter zu stören.« (Silke Schomburg, über Klaus Schmetz, AN 23.4.98)

Beide Möglichkeiten einer mehr analytischen und einer beschreibenden Kunstkritik existieren also. Die eine wissenschaftlich hochgeschätzt, aber intellektuell nur für wenige nachvollziehbar, die andere von den Lehrstühlen belächelt, da sie ereignisshaft, trivial und ephemer erscheint. Ich habe bewußt Extrembeispiele gewählt. Unser Seminar sollte zwischen beiden Welten einen Mittelweg finden, - Kunstkritik durchaus als Dienstleistung am Leser, das heisst sowohl als Sprachrohr der Künstler, als auch des Publikums verstanden.

Rolf Wedewer ist in seinem Buch über die »Sprachlichkeit von Bildern« Mitte der 80er Jahre ausführlich der Frage nach den unterschiedlichen Systemen symbolischer Verständigung über Welt und Wirklichkeit nachgegangen. »Der Realität des dinghaft Tatsächlichen, stehen eine Erfahrungs- und Empfindungsrealität sowie eine Darstellungsrealität gegenüber«. Das heisst, der künstlerische Gegenstand ist im Spannungsfeld der Kunstkritik, dem Vorwissen, der Stimmung und dem Schreibtalent des Rezensenten ausgeliefert.

»Am Anfang war das Wort« heißt es unschuldig an einer Stelle. Nur was benannt ist, wird verfügbar und damit Allgemeingut. Die Kardinalfrage ist aber eben, was wird benannt und was wird nicht benannt. Kunstkritik scheint für Wedewer vor allem Erinnerungsbeleg. Doch wirkt die Wortwahl stets wertend. Sie kann als Instrument zur Übersetzung der Kunst dienen, aber auch als Waffe gegen sie eingesetzt werden. So bezeichnet Thomas Bernhard den Kunsthistoriker in seinen »Alten Meistern« bekanntlich als »Kunstvernichter«, der durch Worte mehr zur Verunklärung, als zur Erhellung der optisch-materiellen Ereignisse beiträgt. Österreichs widerspänstiger Dichterfürst läßt bestenfalls den Berichterstatter und damit meint er wohl die Kritiker gelten, der das Kunstwerk nicht tot redet, sondern offen läßt. Bernhards provozierende Frage lautet schließlich: »Warum malen die Maler eigentlich, wo es doch die Natur gibt?« dem setzt Andreas Beyer hinzu: »Warum beschreiben wir Bilder, wo es doch Gemälde gibt?«

Offenbar stirbt das Bedürfnis sich über die Kunst zu verständigen, ihr im Wort näher zu kommen nicht aus. Aber geht es in der Kunstkritik wirklich um sprachlichen Ersatz? Geht es nicht im Gegensatz zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung, die möglichst jeden Blickwinkel, jeden gedanklichen Aspekt berücksichtigt, um die subjektive und höchst selektive Auseinandersetzung, um den gefilterten Blick, der immer fragmentarisch bleibt und in seiner Kurzprosa Atmosphäre statt Vollständigkeit anstrebt?

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©   Katja Blomberg, 1999