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Das Problem einer besseren, vor allem systematisch geordneten Ausbildung in der
Kunstkritik beschäftigt Präsidium und Mitgliederversammlung der deutschen
AICA seit etwa fünf Jahren. Vor allem auf den beiden Mitgliederversammlungen
vom November 1997 und November 1998 wurde ausführlich über dieses Thema
diskutiert. Dabei sind durchaus auch Zweifel geäußert worden, ob diese
Tätigkeit tatsächlich "schulisch" vermittelbar ist, - Zweifel,
die journalistische Praktiker ebenso aussprachen wie Kritiker mit kunstwissenschaftlichem
Studium. Auch wurde daran erinnert, dass die Biographien der meisten deutschen
Kunstkritiker eine spezielle Ausbildung nicht ausweisen, eine Beobachtung, die
einerseits richtig ist, aber andererseits auch nicht anders ausfallen kann, denn
es gibt in Deutschland - im Gegensatz etwa zu Österreich oder Frankreich
- solche Studiengänge nicht.
In der Tat ist die kritische Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst
im vergangenen Jahrhundert von den meisten Kritikern nach dem Prinzip des "learning
by doing" angegangen worden (was übrigens auch für die Tätigkeit
vieler Museumsleute mit Ambitionen auf dem Gebiet der zeitgenössischen
Kunst gilt; denn im Studium ist ihnen davon das Allerwenigste vermittelt worden).
Diese Praxis der Selbstschulung durch Ateliergespräche mit Künstlern,
Begegnungen mit Sammlern, autodidaktisches Studium der Moderne, Lektüre
der Texte und Bücher älterer Kolleginnen und Kollegen und durch den
ständigen Dialog mit den eigenen Fehlern mag zwar immer noch der beste
Weg zum Erfolg sein; aber es dürfte ja auch nicht schaden, gäbe es
die Möglichkeit einer organisierten Ausbildung sowohl wissenschaftlicher
als auch praxisbezogener Art. Jedenfalls hat sich die zeitgenössische Kunst
inzwischen in einer Fülle und Verästelung entwickelt und vor allem
die klassischen Arbeitsfelder von Malerei, Grafik und Bildhauerei gesprengt,
dass fachliche Hilfe bei der Orientierung zur Kunstkritik zumindest nicht schaden
könnte.
Die Kölner AICA-Mitgliederversammlung vom 11.11.1998 hat angesichts solcher
Überlegungen Landesregierungen und Hochschulen aufgefordert, wissenschaftlich
fundierte Ausbildungswege für Kunstkritiker zu schaffen. Dabei dürfe
allerdings der Praxisbezug nicht außer Acht gelassen werden. "Ein
erster Schritt zur Verbesserung der Situation", so heißt es in diesem
Appell weiter, "ist die Vermehrung der Lehraufträge für Kunstkritiker
an Akademien und kunstwissenschaftlichen Institutionen." Das AICA-Präsidium wurde aufgefordert, die Kontakte mit interessierten Instituten aufzunehmen oder dort, wo es diese schon gab, zu verstärken.
Dieser Resolution vorangegangen war eine Umfrage der AICA bei 75 Kunstakademien
und kunstwissenschaftlichen Instituten, um überhaupt erst einmal die Lage
zu klären. Zugleich war damit die Absicht verbunden, das Interesse der
Hochschulen und Akademien insofern zu erkunden, als dort angesichts der großen
Anzahl an Studenten berufliche Alternativen hätten willkommen sein müssen.
Denn inzwischen haben sich allenthalben an Museen und Hochschulen die personellen
Möglichkeiten erschöpft, während die Expansion in der Medienwelt
ungebrochen zu sein scheint.
Da dieses Problem den Hochschullehrern ja gewiss vertraut ist, hätte man
mit einem regen Interesse an unserem Anliegen rechnen können. Das Ergebnis
der Umfrage war allerdings enttäuschend. Von den 75 angeschriebenen Universitäten,
Hochschulen und Akademien antworteten nur 45. Davon teilten 16 mit, keinerlei
Ausbildungsangebote zur Kunstkritik zu haben und zu planen und zeigten auch
kein Interesse, darüber nachzudenken. Eines dieser Institute stand kurz
vor seiner Auflösung und sieben begründeten ihr Desinteresse mit ihrem
anders gelagerten Profil oder personeller Unterbesetzung.
Aber es gab auch deutlich geäußerte Ablehnung. Carsten-Peter Warnke
von der Georg-August-Universität in Göttingen schrieb zum Beispiel,
"dass zwar beim Studium der Kunstgeschichte Belange der Kunstkritik stets
berücksichtigt werden, wenn sie historisch relevant sind, etwa für
die Rezeptionsgeschichte von Kunstwerken", eine Sonderausbildung sei aber
"aus systematischen Gründen nicht wünschbar, weil das Studium
der Kunstgeschichte lediglich die Basis für spezielle kunstgeschichtliche
Berufsfelder bieten, nicht jedoch eine Spezialausbildung leisten soll."
Eine ähnliche Auffassung - ebenso losgelöst von einer möglichen
praktischen Ausbildung - vertrat auch Dieter Blume von der Friedrich-Schiller-Universität
in Jena: "Wir bilden Kunsthistoriker aus, von denen dann einige natürlich
als Kunstkritiker später tätig sind. Im Studium geht es aber um die
wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Werken historischer und moderner Kunst
sowie den unterschiedlichsten Fragen der Kunsttheorie."
Marcel Baumgartner von der Justus-Liebig-Universität in Gießen sprach
dasselbe Problem an, kam aber zu anderen Ergebnissen: "Das Sammeln von
praktischen Erfahrungen während des Studiums halte ich für unabdingbar,
von Berufsschulen' für Kunstkritiker, Museumsleute, Denkmalpfleger
usw. halte ich nichts." In Gießen sei es Tradition, Lehraufträge
an Leute aus der Praxis - dem Museum oder der Denkmalpflege - zu vergeben, ein
Kunstkritiker sei aber bisher nicht dabei gewesen: "Ich könnte mir
vorstellen, dass das geändert wird." Sigrid Schade von der Universität
Bremen beklagte gerade die "vor allem in Deutschland existierende Kluft
zwischen der Kunstgeschichte/Kunstwissenschaft einerseits und der Kunstkritik
andererseits" und schrieb: "Wir begrüßen Ihre Initiative,
die Kunstkritik wieder mehr in die wissenschaftlich/künstlerische Ausbildung
einzubeziehen, sehr." Es gab also auch eine Reihe positiver Reaktionen.
12 Institute, die bisher kein Angebot zur kunstkritischen Ausbildung in ihrem
Lehrplan hatten, äußerten ihr Interesse an Gesprächen über
die Möglichkeiten dazu. Immer wieder wurde aber auf die grundsätzlichen
finanziellen Probleme und die derzeit besonders schwierige diesbezügliche
Situation verwiesen. 17 Institute teilten mit, Kunstkritiker angestellt oder
als Lehrbeauftragte längerfristig bzw. für temporäre Lehrveranstaltungen
verpflichtet zu haben. Immerhin 14 davon konnten auf ein dezidiertes Lehrangebot
zur Kunstkritik hinweisen. Jörg Zimmermann von der Universität Mainz
wurde durch das AICA-Schreiben zu verschiedenen Vorschlägen angeregt und
begründete sie unter anderem mit dem Satz: "Die Verstärkung der
medialen Kontakte durch Einbeziehung erfahrener Kunstkritikerinnen und Kunstkritiker
käme schließlich der öffentlichen Ausstrahlung der Universität
zugute."
Mit gewissen Vorbehalten, ob sie die richtigen Adressaten sind, hatten wir
auch Kunstakademien angeschrieben. Die dort notwendigerweise auftretende Frage
nach dem Verhältnis zwischen den kreativen Bereichen und der Kritik führt
immer wieder zu heftigen Debatten, wie uns Andreas Altenhoff von der Kunsthochschule
für Medien in Köln bestätigte: "Aufgrund dieser Erfahrungen
hielte ich es für günstiger, zunächst über das Fachlich-Konzeptionelle
zu beraten und danach erst über institutionelle Fragen."
Aber die Probleme der AICA-Initiative ergaben sich nicht erst in den (bisher
nur spärlich geführten) Dialogen mit den Institutionen, es zeigte
sich vielmehr sehr bald, dass die Mitglieder des Präsidiums angesichts
ihrer ehrenamtlichen Situation oft gar nicht die Zeit aufzubringen imstande
waren, um solche Gespräche persönlich zu beginnen oder gar zu vertiefen.
Schon die Vorstellungen, die wir im Präsidium hatten, dass wir dort, wo
unsere Gedanken auf Wohlwollen stießen, mit Rat und Tat hätten zur
Seite stehen können, erwiesen sich als unrealistisch.
Das aber sollte uns nicht veranlassen, die angestellten Überlegungen nun
nicht weiter zu verfolgen. Freilich müssen wir uns auf einen sehr langen
Prozess einlassen und darauf vertrauen, dass wir durch unablässige öffentliche
Anstöße an den Hochschulen und Akademien eine Eigendynamik in Gang
setzen, die das, was wir wollen, auch ohne unsere ständige und unmittelbare
Beteiligung nach vorne bewegt.
Vorstellbar wäre eine Ausbildung, die sicher stellt, dass Studenten der
Kunstgeschichte als Gäste an der Grundausbildung der Kunststudenten teilnehmen,
um Erfahrungen über das Rüstzeug der bildenden Künstler zu sammeln.
Während des Hauptstudiums der Kunstgeschichte wäre der Schwerpunkt
der Belegung von Vorlesungen und Seminaren auf die Gegenwartskunst seit der
Moderne zu legen. Praxiskurse von Kunstkritikern, die als Lehrbeauftragte heranzuziehen
wären, müssten in einer solchen Anzahl angeboten werden, dass jeder
Student, der die Kunstkritik als spätere berufliche Tätigkeit anstrebt,
etwa vier bis sechs Lehrveranstaltungen dieser Art wahrnehmen könnte. Solche
Ausbildungsgänge wären innerhalb einer Region selbstverständlich
auch in der Zusammenarbeit mehrerer Hochschulen/Akademien sinnvoll.
Wichtig wären auch Vereinbarungen mit großen Zeitungen, Zeitschriften
und Rundfunkhäusern, damit dort Hospitationen und Praktika eingerichtet
und auf Dauer sichergestellt werden können; diese Beteiligung an der Tagesarbeit
der Praktiker sollte in den Semesterferien stattfinden; die großen Medienhäuser
wären gewiss auch in der Lage, für die Praktikanten Ausbildungsbeihilfen
zu zahlen. Sie zögen ja aus einer solchen Zusammenarbeit mit der Wissenschaft
und ihrem Nachwuchs große Vorteile. Die jungen Leute, zumal wenn sie ihr
zweites oder drittes Praktikum absolvierten, könnten sehr schnell an eigene
kunstkritische Beiträge herangeführt werden. Sehr viele Kunstkritiken
in Zeitungen und Zeitschriften werden heute aus Personalnot von freien Mitarbeitern
mit sehr viel geringerer Kompetenz geschrieben. Und man könnte beim Entdecken
großer Begabungen zu beiderseitigem Vorteil schon vor Studienabschluss
die Weichen zu einer späteren ständigen Mitarbeit oder zu einer Planstelle
stellen.
Inzwischen ist an der Hochschule der Künste in Berlin der Weiterbildungs-Studiengang
"Kulturjournalismus" eingerichtet worden, und Hochschulpräsident
Lothar Romain, selber Mitglied der AICA, hat uns wissen lassen, dass unsere
Initiative ganz wesentlich zur Schaffung dieser neuen Einrichtung beigetragen
hat. "Kulturjournalismus" ist natürlich nicht exakt das, was
die AICA sich zur Kompetenzfindung von Kritikern vorstellt. Aber wenn das omnipotente
Kunst-Umfeld der Berliner Hochschule sein ganzes Gewicht einzubringen imstande
ist, wäre ja viel gewonnen; ja - man könnte die Hoffnung haben, dass
der neue Berliner Studiengang zusammen mit den übrigen kulturellen Ausbildungs-Angeboten
der Hochschule sogar mehr zu leisten vermag als die Ausbildung zum puren Kunstkritiker.
Im übrigen stellt sich grundsätzlich die Frage, ob das Verlangen nach
einer besseren Ausbildung in der Kunstkritik einseitig auf den Kritiker im Bereich
der bildenden Künste ausgerichtet werden sollte. Der Mainzer Ästhetik-Professor
Jörg Zimmermann hat angeregt, die kunstkritische Ausbildung übergreifender
anzugehen und neben der Bildenden Kunst auch Bereiche wie Film, Theater, Literatur
und Musik einzubeziehen. In seinem der AICA zur Verfügung gestellten Statement
vom 22.4.1999 vertritt Prof. Zimmermann die Auffassung, ein solches Lehrprogramm
würde die Chancen der Studierenden erhöhen, sich im Bereich des Kulturjournalismus
und der Kulturvermittlung weiter zu qualifizieren und daher auch beruflich besser
Fuß zu fassen. Zimmermann möchte auch mehr als bisher erfahrene Kritiker
in das Lehrangebot einbeziehen, wenn es um Projekte der künstlerisch-praktischen
und der kulturwissenschaftlichen Bereiche geht, und dies nicht nur im Zusammenhang
mit dem Studium generale, sondern darüber hinaus.
Diese Überlegungen sind gewiss nicht ohne Kenntnis der realen Verhältnisse
angestellt worden, denn was für die Kunstkritiker gilt, ist auch für
viele Kritiker im Bereich Literatur, Theater, Musik und Film der Normalfall:
meistens haben sie sich auf der Grundlage ihres jeweiligen Fachstudiums das
Einmaleins ihres kritischen Tageshandwerks selber beigebracht.
Aus: "Vom Kunststück, über Kunst zu schreiben.
50 Jahre AICA Deutschland" Hg.: Walter Vitt. Steinmeier
Verlag, Nördlingen, 2001,176 Seiten, € 18,40
ISBN 3-927 496-89-8
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