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Zugegebenermaßen, wer weiß schon, was sich hinter dem Kürzel
AICA verbirgt? "Und das ist", um ein neues geflügeltes Wort auch
in der Kunstkritik zu etablieren, "nicht gut so". Die AICA, Association
internationale des critiques d'art, wurde in 1948 in Paris gegründet und
gehört seit 1951 zu den ratgebenden Instanzen der UNESCO. Die deutsche
Sektion konstituierte sich ebenfalls 1951, ein Jahr später erfolgte die
Anerkennung durch den internationalen Kunstkritikerverband. Unter dem Titel
"Vom Kunststück, über Kunst zu schreiben" lässt Herausgeber
Walter Vitt, aktueller Präsident der deutschen Sektion, 50 Jahre AICA Deutschland
Revue passieren. In herrlich altmodischem Format und Layout dokumentieren viele
Autoren in vier Kapiteln - Geschichte, Dokumentation, Praxis und AICA aktuell
- die Entwicklung der deutschen Kunstkritik.
Außer Frage stand, dass dem Gründungskollegium ausschließlich
Kritiker angehörten, an deren, wie Beate Eickhoff in ihrem sehr informativen
Beitrag zur Geschichte der AICA anführt, "politischer Vergangenheit
kein Anstoß genommen werden konnte." Erster Präsident wurde
Franz Roh, Münchner, Künstler und Kunstkritiker, einer der engagiertesten
Verfechter der neuen Moderne. Bruno E. Werner, damals Feuilletonchef der "Neuen
Zeitung", ernannte man zum Vize. Der jüngste im Bunde, der Hamburger
Kritiker Hanns Theodor Flemming, komplettierte als Sekretär das Gremium
der ersten Stunde. Zu den frühesten Mitgliedern gehörten Will Grohmann,
Werner Haftmann, Eduard Trier, Rohs Ehefrau Juliane und heute weithin vergessene
Kritikerkollegen wie Albert Buesche, Fritz Nemitz, Gert Schiff, Benno Reifenberg,
Rolf Walther, Leopold Zahn und Kurt Leonhard.
Hehr waren die Ziele der Überlebenden des Zweiten Weltkrieges: Auf internationaler
Ebene standen die Erforschung der jungen Kunst, der Austausch der Theoretiker
miteinander und vor allem die Vernetzung über Ländergrenzen hinweg
im Mittelpunkt. Der deutschen Sektion wurde als erstes aufgetragen, einen Status
der Avantgarde zu erstellen. Ein erster Schritt, die Kunst nach 1945 mit ihren
Protagonisten Willi Baumeister, Ernst Wilhelm Nay, Fritz Winter, K.R.H. Sonderborg
oder Karl Hartung zu propagieren. An erster Stelle hieß es denn auch in
der ersten Satzung der deutschen AICA entsprechend: "Der Zweck des Verbandes
ist das Gewicht und die kulturelle Einwirkung der guten Kunstkritik zu fördern,
die Berufsinteressen der Mitglieder zu schützen, den internationalen Austausch
von Informationen zu erleichtern, die kunstkritische Urteilskraft und das Gefühl
für Qualität im In- und Ausland zu steigern, den internationalen Kunstaustausch
zu befürworten." - Paradiesische Zustände, paradiesische Aufgaben.
Walter Grasskamp schreibt über die Konstruktion von Gegenwart, Dirk Schwarze
versucht in seinem Beitrag zur Sprache der Kunstkritik anlässlich der documenta
X der verlorenen internationalen Ausrichtung der Kritik deutscher Provenienz
nachzuforschen. Mit dem entlarvenden Satz: "Verstärkt wurde diese
Sonderrolle [Anm.d.Aut.: Cathérine David war 1997 die erste Frau auf
dem documenta-Thron] dadurch, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Berufung für
viele deutsche Kritiker ein unbeschriebenes Blatt war, auch nicht vor deutlicher
und ungeschickter Kritik an anderen (darunter an der documenta-Stadt) zurückschreckte,
wie ihre Vorgänger Hoet und Fuchs ihre Künstlerliste geheim hielt,
aber viele mit ihrer Vorliebe für Fotografie, Film und Literatur irritierte
und dass sie offiziell keine namhaften Kuratoren in ihr Team holte.", zeigt
Dirk Schwarze, Leiter der Kulturredaktion der Hessischen/Niedersächsischen
Allgemeinen, dass die Wünsche und Ziele aus der Gründerzeit der AICA
sich nicht erfüllt hatten. Zu schnell hatte man die internationale Ausrichtung
vergessen, zu lange war man "entre nous" geblieben und hatte sich
auf den Lorbeeren der bewegten 1960er und 1970er Jahre ausgeruht. Diese Zeit
war glorreich gewesen, viele Beiträge in Vitts Anthologie erzählen
davon, wenn auch zuweilen etwas blumig und recht familiär, mit vielen Details
und großem Wissen.
Das heikle Thema des Verhältnisses zwischen Ost und West in der Kunstkritik
wird nicht ausgespart. Andreas Hüneke schreibt persönlich bewegt und
zwischen subjektiven und objektiven Bedingungen des dortigen Lebens lavierend,
über die DDR-AICA, Instrument der Kulturpolitik der DDR. Mit Mut zur Lücke
wirbt er für die Überwindung ideologischer Gräben, wissend um
die Schwere eines solchen Unterfangens. Die reine Sinnsuche des Kritikers im
Angesicht der Kunst erörtert Walter Vitt in seinem Beitrag "Was -
Du liest noch Kritiken?", hin- und herschwankend zwischen Emphase und (augenzwinkernd)
leichtem Leiden. Was bleibt, ist die Sehnsucht, nicht nur die von Walter Vitt,
nach einer Kunstkritik ohne Wenn und Aber, voller Fehl und Tadel, die keine
Diskussion, keinen Streit und überschwängliches Lob scheut.
Bei der Lektüre erfährt man viel über vergangene Zeiten, stellt
durchaus fest, dass die meisten Autoren einem rheinlando-zentrischen Kunst-Weltbild
anhängen und sich - ein bisschen zu oft - nostalgischer Verklärung
hingeben.
Kunstkritik im Verbund der AICA kann immer noch jeden Tag
neu geschrieben werden, die deutsche sicher auch, würde
sie sich an die Ziele der ersten Stunde mehr als nur erinnern.
"Vom Kunststück, über Kunst zu schreiben"
macht trotz Lücken und einer eigenwilligen Strategien
folgenden "Bibliografie der deutschsprachigen Kunstkritik
nach 1945" Lust, mehr über das Kritikersein im
Angesicht der Kunst zu erfahren. Oder dem der Anthologie
vorangestellten Motto von Gerhard Rühm zuzustimmen
oder zu widersprechen: "Was wären das für
Kunstkritiker, die bei Bildern bloß das Sujet und
nicht die Malerei selbst in Betracht zögen!"
"Vom Kunststück, über Kunst zu schreiben.
50 Jahre AICA Deutschland" Hg.: Walter Vitt. Steinmeier
Verlag, Nördlingen, 2001,176 Seiten, € 18,40
ISBN 3-927 496-89-8
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