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2014 Gregor Schneider's, Hauptstraße 85 a

Besondere Ausstellung des Jahres 2014

Gregor Schneider, Hauptstr. 85a, Stommeln

VG Bild-Kunst 2014

Krise des Gedenkens
Gregor Schneider's Hauptstraße 85 a, Synagoge von Puhlheim-Stommeln

Mit seinem Projekt für die Synagoge in Stommeln geht Gregor Schneider, der Meister der Klaustrophobie, nach draußen.

Die kleine Landsynagoge aus dem 19. Jahrhundert stand nie in der ersten Reihe. Jetzt ist sie ganz verschwunden. Ein Einfamilienhaus ist an ihre Stelle getreten. Nichts erinnert mehr an das ehemalige Bethaus, sogar die Hinweisschilder im Ort wurden abmontiert. Dafür hat die neue Wohnstätte nun, was der Synagoge in Stommeln bei Köln nie zugestanden worden war – eine eigene Adresse: Hauptstraße 85 a.

Von den Pogromen im November 1938 war die Synagoge nur deshalb verschont geblieben, weil die bedrängte jüdische Gemeinde sie schon im Jahr zuvor an einen Landwirt hatte verkaufen müssen. Der nutzte sie als Schweinestall, bevor sie nach 1945 brachlag und in Vergessenheit geriet. Erst 1991 wurde sie zum Ausstellungsort umgewidmet, um die Erinnerung mit künstlerischen Interventionen wachzuhalten. Jetzt wird die ambitionierte Reihe mit einem Beitrag von Gregor Schneider fortgesetzt.

Schneiders Eingriff in Stommeln ist verstörend und brüskierend: Er ummantelt die Synagoge mit einer architektonischen Maske der Normalität. Nur der Ziergiebel erinnert noch an die Fassade des Fachwerkbaus von 1882, der Davidstern ist übertüncht. Die spießbürgerlichen Blümchenvorhänge lassen die Fenster erblinden, ein Garagenrolltor kommentiert sarkastisch den Standard bürgerlichen Wohnens. An der Türklingel steht der Allerweltsname „Schneider“, doch öffnet während dieser Ausstellung niemand. Wer jetzt zum ersten Mal zur Hauptstraße 85 a kommt, wird kaum glauben, dass sich hinter der Fassade eine Synagoge verbirgt.

Als Richard Serra 1992 hier seine Skulptur „The Drowned and the Safed“ ausstellte, widmete er den kleinen Ausstellungskatalog nicht der zweiteiligen Stahlskulptur, die sich heute im Erzbischöflichen Diözesanmuseum Kolumba in Köln befindet. Er dokumentierte das Schicksal der weiteren jüdischen Synagogen in der Region. Fast alle waren in der „Reichskristallnacht“ verwüstet worden. Manche blieben von den Brandanschlägen verschont, weil sie in dicht bebauten Wohngebieten lagen, wurden dann aber im Zweiten Weltkrieg beschädigt.

In mehreren Fällen wurden die Synagogen oder deren Ruinen im Erftkreis erst in der Bundesrepublik abgerissen oder abgetragen wie in 1955, im Zuge einer Neubebauung des Grundstücks, in Elsdorf, 1949 in Gymnich oder 1971 in Frechen. Auch in Lechenich war die jüdische Gemeinde durch Abwanderung und Emigration schon Mitte der 1930er Jahre so geschrumpft, dass die Synagoge aufgegeben und später für Mietwohnungen genutzt wurde. In Kerpen grenzte die Synagoge direkt an eine Schreinerei und ein Holzlager, weshalb sie den Flammen entging. Heute wird sie als Wohnhaus genutzt.

Damit schließt sich der Kreis zur aktuellen Ausstellung von Gregor Schneider. Jene Befremdlichkeit, die der Bildhauer aus Mönchengladbach-Rheydt mit seiner Arbeit in Stommeln hervorruft, erzielt er sonst in geschlossenen Räumen, so auch in einem Labyrinth in der Halle Kalk, einem Ableger des Schauspiels Köln. Hier führt ein dunkler Korridor in ein fensterloses, schäbiges Badezimmer, und kaum hat man es verlassen, findet man sich nach kurzer, finsterer Wegstrecke abermals in dem vermeintlich selben Badezimmer wieder – in Wiederholung, die sich schier endlos wiederholt und alsbald ein klammes Gefühl, wenn nicht gar eine gewisse Bangigkeit vor dem nächsten Badezimmer hervorruft. Am Ende des manischen Parcours hat man nicht weniger als 21 der geklonten Badezimmer durchmessen. Das Unheimliche – Freud lässt grüßen – erscheint in Gestalt des Gewöhnlichen, und da einem die Umkehr unmöglich gemacht wird, sieht man sich einem veritablen Wiederholungszwang unterworfen: Wieder und wieder durchläuft man den gleichen Raum.

Mit seinem Synagogen-Projekt geht Schneider in den Außenraum und umbaut ein Gebäude mit neuralgischer Erinnerung. Aus heutiger Sicht, gab Schneider in Stommeln zu verstehen, hätte sich eine solche Lösung auch für den deutschen Pavillon in Venedig angeboten, für dessen Ausstellung ihm 2001 der Goldene Löwe zugesprochen wurde. Mit seinem aufwändigen Trompe l‘oeil in Stommeln greift Schneider die Geschichte der Synagogen im Erftkreis auf. Das Fassadengelb strahlt aggressive Ignoranz aus, ziemlich erbarmungslos konterkariert es das schöne Ziegelrot in der Nachbarschaft. Das Diktum der „Banalität des Bösen“ (Hannah Ahrendt) kommt einem in den Sinn, zitiert doch das Gelb der Fassade zugleich auch die Farbe der Diskriminierung im „Dritten Reich“. Das renovierte Haus und seine ätzende Durchschnittlichkeit stimulieren nicht eigentlich die Einfühlung in historische Erinnerung, sie konfrontieren stattdessen mit einer Krise des Gedenkens und einer regelrecht unheimlichen Gegenwart. Gerade darin überzeugt die neue Stommelner Adresse „Hauptstraße 85 a“, die von nun an, über die Ausstellung von Gregor Schneider hinaus, Bestand haben wird.

Georg Imdahl, Süddeutsche Zeitung vom 15.07.2014, Nr. 160, S. 12